Dienstag, 7. April 2020 22:08 Uhr

Till Lindemann: Shitstorm nach diesem Vergewaltigungs-Gedicht

Universal Music/Jens Koch

Der Rammstein-Sänger Till Lindemann (57) liebt die Provokation – und die Poesie. In seinem neuen Lyrikband „100 Gedichte“ verbindet er beides – und sorgt für eine lautstarke Kontroverse. Es geht um Zensur und Kunstfreiheit, vor allem aber um Vergewaltigung.

Lindemann und sein lyrisches Ich

Insbesondere das Gedicht „Wenn du schläfst“, sorgt für heftigste Kritik. Der Grund: Lindemann beschreibt hier eine Vergewaltigungsfantasie mit folgenden Worten: „Schlaf gerne mit dir wenn du träumst/ Weil du alles hier versäumst/ Und genau so soll das sein (so soll das sein so/ macht das Spaß)/ Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas)/ Kannst dich gar nicht mehr bewegen“.

Verlegt wurde der Gedichtband von Kiepenheuer & Witsch. Und hier reagiert man völlig gelassen auf die harsche Kritik: „Die moralische Empörung über den Text dieses Gedichts basiert auf einer Verwechslung des fiktionalen Sprechers, dem sogenannten ,lyrischen Ich’ mit dem Autor Till Lindemann. Die Differenz zwischen lyrischem Ich und Autor ist aber konstitutiv für jede Lektüre von Lyrik wie von Literatur allgemein und gilt für alle Gedichte des Bandes wie für Lyrik überhaupt“, schreibt KiWi-Chef Helge Malchow in einem Presse-Statement.

Kunst kennt keine Moral

Er verweist überdies auf die Kunstfreiheit und die zahlreichen Beispiele in der Weltliteratur, in denen das Böse beschrieben wird. „Dass der im Gedicht dargestellte Vorgang unter moralischen Gesichtspunkten zutiefst verwerflich ist, ist eine Selbstverständlichkeit und erlaubt keine persönliche Diffamierung des Autors“, heißt es weiter.

Übersetzt heisst das: Kunst ist Kunst und darf alles – per Definition. Wirklichkeit abbilden und Moral ausblenden. Und – egal ob brutal, deutsch-nationalistisch oder sexistisch: Was Brachical-Barde Lindemann in seiner Lyrik verbreitet, ist in keinem Fall Abbild seines Geisteszustandes. Wie gut es auch ins Pyro-Portfolio des Rammstein-Rüpels passen mag. Auch die Netz-Gemeinde ist gespalten, wie man mit der lindemannschen Lyrik umgehen sollte.

Das ganze Gedicht „Wenn du schläfst“

„Ich schlafe gerne mit dir, wenn du schläfst. Wenn du dich überhaupt nicht regst.
Mund ist offen, Augen zu. Der ganze Körper ist in Ruhe.
Kann dich überall anfassen. Schlaf gerne mit dir, wenn du träumst.
Und genau so soll das sein (so soll das sein so macht es Spaß).
Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas).
Kannst dich gar nicht mehr bewegen. Und du schläfst, es ist ein Segen.“

Das Gedicht ist Teil des Bandes „100 Gedichte“ (Hrsg. v. Alexander Gorkow. Kiepenheuer & Witsch, 160 Seiten, 18 Euro)

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