26.10.2020 16:31 Uhr

Kärnten: Besinnliches Nachtwandern im Naturpark Dobratsch

Mit der Laterne in der Hand durch den winterlichen Wald auf den Berg wandern - begleitet von Sagen und Sternen: Das Vergnügen erwartet Urlauber am Dobratsch in Kärnten. Ein Ausflug in die Dunkelheit.

Anita Arneitz/dpa-tmn

Es ist stockfinster. Mit Bedacht muss jeder Schritt beim Nachtwandern gesetzt werden, hier im Kärntner Naturpark Dobratsch. Bloß nicht stürzen!

Neben Urlaubern sind einige Einheimische mit von der Partie. Sie kennen den Dobratsch als ihren Hausberg. Aber nicht in der Nacht. Und schon gar nicht „unplugged“, wie die Tour vom Naturpark genannt wird.

Der Dobratsch oder Villacher Alpe ist mit einer Höhe von über 2100 Metern ein Ausläufer der Gailtaler Alpen. Eine Panoramastraße und Aussichtspunkte machen den Berg zu einem beliebten Ausflugsziel. Der Naturpark zählt zu den ältesten Naturschutzgebieten Kärntens.

Vom Skigebiet zum Naturpark

In den 1990er Jahren wedelten Skifahrer die Hänge hinab. Doch weil der Winter immer schneeärmer wurde, wurde Skigebiet irgendwann geschlossen. Seitdem gehört der Berg wieder der Natur. Erwünscht ist ausschließlich sanfter Tourismus. Vom ehemaligen Skigebiet sind bewirtschaftete Almhütten geblieben. Das Gipfelhaus ist heute ein modernes, energieautarkes Gebäude mit Gastwirtschaft und 40 Betten.

Auf dem abendlichen Weg dorthin ist von weitem ein rot-weißer Sendeturm zu sehen. Ein Stückchen weiter thronen zwei Kirchen im Fels, erbaut nach einer Marienerscheinung.

Klarer Blick auf den Sternenhimmel

Begleitet von der Dämmerung und dem Geläute der Kirchenglocken gewöhnen sich die Augen zwischen Tannen, Eiben und Schwarzkiefern an die Schattierungen der Nacht. Bei der Lichtung angekommen, versammeln sich die Laternen im Kreis. Der schwierigste Teil ist geschafft.

Ein paar Kilometer abseits von Villach scheint das hektische Alltagsgewusel weit entfernt zu sein. Anders als sonst wird bewusst das langsame Zurückweichen des Tageslichts wahrgenommen. Eigentlich keine aufregende Sache, aber mit dem Kerzenlicht in der Hand allein im Wald doch etwas Besonderes. Hier gibt es keine Lichtverschmutzung. Nichts, was nach Aufmerksamkeit buhlt. Ausgenommen die Sterne.

Bereits beim Treffpunkt bei der ehemaligen Talstation des Skiliftes in Heiligengeist hat Naturpark-Rangerin Ulrike Knely am Himmel den Abendstern und die Venus ausgemacht. „Ein gutes Zeichen. Wir haben fast Neumond. Das wird eine klare und frische Nacht“, sagte sie.

Tierische Begegnungen

Zum Schutz der Tiere wurden eigene Ruhezonen eingerichtet, die nicht betreten werden dürfen. Fledermäuse lieben die Verstecke im karstigen Gestein; Adler, Falken und Bussarde die Thermik auf der Südseite des Berges. Ab Mitte August ziehen Tausende Greifvögel vorbei. Aber auch im Winter kann das eine oder andere Exemplar bei der Roten Wand vom sieben Meter langen Skywalk aus beobachtet werden. Das Panorama reicht von den Karawanken bis tief hinein ins Gailtal.

Völlig unterschiedliche Klimazonen und Landschaftsformen liegen im Naturpark nah beisammen. Während rund um den Skywalk alpine Pflanzen vorherrschen, wird es im Tal richtig mediterran. Schuld daran ist ein Erdbeben, welches 1348 zwei extreme Bergstürze auslöste. Ein Teil der Südwand mit rund 150 Kubikmetern Fels vergrub mehrere Dörfer und formte am Ufer des Flusses Gail einen neuen Lebensraum.

Im Sommer sind an die 1300 Schmetterlingsarten und seltene Pflanzen wie die Illyrische Gladiole in der sogenannten Schütt zu sehen. Sogar Skorpione und Sandvipern sonnen sich auf den Steinen.

Wer tagsüber den Berg erkunden will, folgt am besten dem Rundwanderweg Dobratsch. Zwischen November und Januar scheint am Berg im Schnitt an 45 Tagen die Sonne. Das ist doppelt so viel wie in Villach und dreimal so viel wie in der Landeshauptstadt Klagenfurt.

Schmelzwasser und Thermalquellen

„Der Dobratsch ist ein Berg, der einem Energie und Kraft gibt. Er hat positive Schwingungen zu jeder Jahreszeit“, sagt Knely. Bereits für die Kelten war es ein heiliger Berg. Jahrhundertelang suchten die Menschen in seinen Höhlen Schutz. Regen und Schmelzwasser fließen durchs Gestein bis zum Fuß des Berges, wo es in Villach-Warmbad unter anderem als heiße Thermalquelle wieder an die Oberfläche tritt.

Ein paar Mal im Jahr füllt sich hinter dem Kurpark das aufgestaute Maibachl mit bis zu 500 Liter Thermalwasser pro Minute. Das Wasser hat angenehme 29 Grad. Jeder darf darin kostenlos ein Bad nehmen.

Lagerfeuerromantik am Berg

Es ist ein meditatives Gehen. Unterwegs wird wenig gesprochen. Nur in den Pausen erzählt die Rangerin über die Natur. Zum Aufwärmen packt sie Tee und Schnaps aus, hergestellt aus regionalen Kräutern.

Die Baumkronen rahmen den Sternenhimmel ein. Jeder ist überrascht, wie gut und leuchtend hier die Sterne zu sehen sind. Es dauert nicht lange, da ist in der Ferne ein altes Gehöft zu sehen. Der Wirt hat extra auf die Nachtwanderer gewartet und ein Feuer angezündet. Die süße Säure des hausgemachten Glühmost legt sich auf die Lippen. Der Rauch verbrannten Holzes steigt in die Nase.

Auf dem Rückweg sind plötzlich zwischen den Bäumen Lichtblitze zu sehen. Sie kommen immer näher. Dann lautes Gelächter: „Mit den Laternen seht ihr aus wie die sieben Zwerge im Wald“, hallt es aus der Finsternis. Die vermeintlichen Fabelwesen entpuppen sich als Wanderer mit Stirnlampe und schreiten zügig hinab ins Tal.

Die Rangerin zuckt gelassen mit der Schulter. „Ich habe schon alles erlebt“, sagt Knely. „Manche galoppieren eben den Berg rauf und runter. Aber Berggehen ist kein Wettbewerb.“ Es geht um etwas anderes beim Nachtwandern im Kerzenlicht: um das Entschleunigen in und mit der Natur. Ganz gemütlich.

Corona-Lage (Stand 26.10.): Die Einreise nach Österreich ist ohne Einschränkungen möglich. Die Infektionen nehmen derzeit aber wieder zu. Kärnten ist derzeit das einzige österreichische Bundesland, das kein Corona-Risikogebiet ist.

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