Das System der Selbstoptimierung

Ein gutes Timing beim Abendessen kann für besseren Schlaf in der Nacht sorgen.
Ein gutes Timing beim Abendessen kann für besseren Schlaf in der Nacht sorgen.

Christin Klose/dpa-tmn

04.02.2021 12:57 Uhr

Sich besser fühlen, geistig und körperlich - das wünscht sich doch jeder. Biohacking soll den Weg dorthin ebnen. Doch was steckt hinter diesem spektakulär anmutenden Begriff?

Essgewohnheiten, Abläufe, Trainingsroutinen: Es gibt viele Stellschrauben, an denen sich drehen lässt, damit es einem besser geht. Biohacker treiben die Selbstoptimierung des Körpers auf die Spitze. Was machen diese Menschen anders?

Der US-Amerikaner Mark Moschel schrieb dazu einmal: „Was Biohacker vom Rest der Selbstoptimierungswelt unterscheidet, ist ihr systemischer Zugang zu unserer eigenen Biologie.“

Es gehe darum, die „absolut beste Version“ von sich selbst zu sein – und dafür muss man ausprobieren: Was tut einem gut, was nicht? „Beim Biohacking geht es darum, sich die Hände schmutzig zu machen und von seiner Erfahrung zu lernen“, so Moschel.

Das körpereigene Programm ändern

Der Sportmediziner Wilhelm Bloch umschreibt es so: Man versucht – ähnlich einem Hacker, der ein Computerprogramm verändern will – das körpereigene Programm durch Reize zu verändern.

Ein Beispiel ist eine Fastenkur während einer hochintensiven Trainingsphase. Der Körper muss viel leisten, bekommt aber wenig Kalorien und wird damit relativ hohem Stress ausgesetzt. „Das führt zu einer Entgiftung, aber verändert auch das System“, sagt Bloch, der dieses Vorgehen in einem Experiment mit Sportlern untersucht hat. „Bei einem Großteil war danach der Stoffwechsel umgestellt, ihr Körper hat Nährstoffe anders verarbeitet.“

Bloch setzt sich an der Deutschen Sporthochschule in Köln mit funktioneller Genomik auseinander: „Der Mensch hat eine Hardware, die Gene, die auf eine bestimmte Art und Weise funktionieren“, erklärt er. Durch Reize werden Gene an- oder ausgeschaltet oder in einen anderen Funktionszustand versetzt. Bloch beobachtet, was bestimmte Stimuli auslösen, etwa diese Fastenkur bei intensivem Sport.

Der Wissenschaftler erzählt auch von Krebspatienten, die er trainiert. „Da schauen wir, was die Aktivität der Killerzellen, die den Krebs angreifen und zerstören, beeinflusst – und da haben wir gesehen, dass manche Reize diese Zellen wirklich aggressiver machen.“

Raus aus der Komfortzone

Für sportlich Aktive hält Bloch hochintensives Cardio-Intervalltraining für einen „Biohack“, den man einmal ausprobieren könnte. „Dabei geht man aus der Komfortzone raus, die Herzfrequenz und die Ausbelastung steigen – auf Dauer dürfte man sich besser und fitter fühlen durch diese Maßnahme.“

Wer seine Ernährung umstellt, in der Höhe trainieren geht, die Intensität seiner Sporteinheiten ändert, weniger oder mehr schläft als gewohnt: All das kann nachhaltig das System verändern, so fasst es Bloch zusammen. „Es gibt viele Reize.“

Dennoch hat er ein Problem mit Biohacking: „Unter diesem Begriff wird extrem viel zusammengefasst – und für vieles fehlt die Evidenz.“ Also der Nachweis, ob und was das am Ende wirklich bringt. Zum Beispiel bei bestimmten Pflanzenstoffen und Nahrungsergänzungsmitteln (sogenannten Nootropika), welche angeblich die geistige Leistungsfähigkeit steigern sollen.

Mit Plan zu besserem Schlaf

Einer, der Biohacking auf die Spitze treibt, ist Andreas Breitfeld. Schlafanalyse, Sauerstoffkammer, Infrarotlicht, Eisbaden, Meditation – der Mann, der in München ein „Biohacking-Lab“ hat, kennt eine Menge Selbstoptimierungs-Tools. Manche davon kosten Tausende Euro. Doch Breitfeld kennt auch einfache und kostenlose Biohacks.

Um chronischen Stress zu reduzieren, sei zum Beispiel guter Schlaf unheimlich wichtig, sagte Breitfeld bei einem Workshop auf der dieses Jahr nur online stattfindenden Sportartikelmesse Ispo.

Seine Tipps für bessere Nächte: Man sollte planen, wann man ins Bett geht, und spätestens drei Stunden vorher die letzte größere Mahlzeit zu sich nehmen. „Wer direkt vorher isst, schläft nicht gut.“

Trinkt man gern einmal ein Gläschen Wein, sollte man das lieber am späten Nachmittag statt abends machen, damit der Körper den Alkohol bis zum Schlafen abbaut.

Gut sei auch, wenn man ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen nicht mehr ins Smartphone starrt oder TV schaut. Das blaue Licht der Bildschirme „kille sonst ein bisschen die Melatonin-Produktion“, wie es der Experte für Biohacking ausdrückt. Melatonin wird umgangssprachlich als Schlaf-Hormon bezeichnet.

Auch der Bundesliga-Fußballer Erling Haaland versucht, solche Lichtreize am Abend zu reduzieren, um besser zu schlafen. Er nutze dafür eine Brille mit speziellem Filter, erzählte der Star von Borussia Dortmund in einem Interview vor einigen Monaten.

Die Elemente beeinflussen sich

Am Ende gehe es bei Biohacking darum, die Kontrolle über die eigene Biologie zurückzugewinnen und diese bestmöglich für sich arbeiten zu lassen, sagte der Buchautor und Biohacker Max Gotzler während des Ispo-Workshops.

Es gehe um Elemente wie Ernährung, Bewegung, Umwelt und Erholung und die Erkenntnis, dass eine Änderung bei einem der Elemente die anderen beeinflussen könne – zum Guten wie zum Schlechten: „Chronischer Stress verschlechtert fast alles.“

Einer der Biohacks, die Gotzler gegen Stress empfiehlt, lautet: priorisieren und Stressoren ausblenden. Beispielsweise, in dem man Benachrichtigungen am Smartphone ausstellt oder das Gerät während einer wichtigen Arbeitsaufgabe einfach in den Flugmodus schaltet.

Kopfhörer, die Störgeräusche von außen unterdrücken (Noise Cancelling), können ebenfalls hilfreich sein. „Damit man die Energie hat, um sich zu fokussieren“, so Gotzler.

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Die Ispo bezeichnet Biohacking als neuen Trend zur körperlichen Selbstoptimierung. Das ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen.

Sportmediziner Bloch findet: „An sich ist der Begriff Biohacking nicht so schlecht, auch wenn es eigentlich ein bisschen wie alter Wein in neuen Schläuchen ist. Aber man kann sich einige Dinge darunter vorstellen, die sinnvoll sind.“

Er sieht aber das Manko, dass der Begriff für alles Mögliche genutzt wird – und damit teils auch für Dinge, die bestenfalls nichts bringen und schlimmstenfalls eher schaden als nutzen. Am Ende muss wohl jeder selbst ausprobieren, mit welchen Maßnahmen er sich selbst gesünder, fitter und zufriedener „biohackt“.

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