Wie Mediensucht andere Probleme überdeckt

Allein mit dem Rechner im Netz für sehr, sehr lange Zeit. Keine gute Idee.
Allein mit dem Rechner im Netz für sehr, sehr lange Zeit. Keine gute Idee.

Christin Klose/dpa-tmn

08.09.2021 16:47 Uhr

Ist es bedenklich, wenn man lieber Netflix schaut als mit dem Partner zu sprechen? Und muss das Handy auch immer mit ins Bad? Eine Suche nach Antworten.

Spätestens seit Beginn der Pandemie verbringen viele Menschen zahllose Stunden in digitalen Welten. Doch manche und mancher findet da nicht mehr so schnell wieder heraus.

Ab wann kann man beim eigenen Medienkonsum überhaupt von einer Sucht sprechen? Und wie gerät man erst gar nicht in den Strudel medialer Abhängigkeiten?

„Wenn es richtig ernst wird, werden andere Lebensbereiche vernachlässigt, so wie Freundschaften, Familie, Hobbys und irgendwann dann auch Körperpflege“, erklärt Diplom-Psychologin Martina Haas, die für die Stiftung Medien- und Onlinesucht arbeitet. In diesen Fällen werde kaum noch gegessen, geschlafen oder geduscht, weil man sich etwa nur noch vor dem PC aufhält.

Die Dosis wird gesteigert

Man nimmt dann zwar noch wahr, dass die eigene Mediennutzung negative Folgen hat, aber man kann dieses Verhalten dennoch nicht mehr ändern, so Haas. „Hinzu kommt, dass die Dosis immer weiter gesteigert wird und wenn man dann versucht offline zu gehen, bekommt man Entzugserscheinungen.“ Betroffene sprächen ungern darüber und hätten Schuldgefühle gegenüber ihrer Familie. Um vor diesem Stress zu fliehen, würden manche noch tiefer in virtuelle Welten flüchten.

Mediensucht mit diesem Kontrollverlust betrifft bei Mädchen und Frauen häufiger soziale Netzwerke, während es bei Jungen und Männern eher Online-Spiele seien, berichtet Haas. Generell erklärt sie, dass hinter jeder Sucht auch immer eine Sehnsucht stecke: „Wenn man merkt, man kommt nicht mehr davon los, dann sucht man in den Medien meistens irgendetwas, was man in der realen Welt vermisst.“

Kein Konzept auf Dauer

Die Medienpädagogin Kristin Langer von der Initiative „Schau Hin“ gibt zu bedenken, dass in Corona-Zeiten natürlich viele Menschen deutlich mehr Zeit vor dem Bildschirm verbringen als normalerweise empfehlenswert sei: „Das Abtauchen in eine digitale Welt kann Glücksmomente und Erfolgserlebnisse produzieren, aber das ausschließlich in digitalen Welten zu erfahren, ist eben kein Konzept auf Dauer.“

Die Fähigkeit der Selbstregulierung baue sich erst schrittweise mit der Persönlichkeit auf, erklärt Langer. „Der Prozess braucht Zeit und ist bei manchem Erwachsenen noch nicht abgeschlossen.“

Generell sei es wichtig, dass man nicht schon als Kind in eine Abhängigkeit gerät, sagt Suchttherapeut Niels Pruin. Denn diese würde oft ein Leben lang erhalten bleiben: „Umso eher ein Kind mit problematischen Mediennutzungsverhalten anfängt und umso länger es das hat, umso schwerer wird es auch so eine Sucht wieder loszuwerden als Erwachsener.“

Unzufrieden mit sich selbst

Häufig kämen zur Suchtberatung junge Männer, die sich aus der Gesellschaft zurückgezogen hätten und denen es sehr schwer falle soziale Kontakte aufzubauen, sagt Pruin: „Sie haben das verlernt und sind mit sich selbst sehr unzufrieden. Viele haben Angst, diesen Anforderungen im realen Leben nicht mehr gerecht zu werden.“

Menschen, die nach Medien süchtig sind, hätten oft auch sogenannte komorbide Störungen, also Begleitstörung, wie etwa Depressionen, Ängste, Zwänge oder soziale Phobien, so Pruin: „Es geht nicht nur um den reinen Medienkonsum, sondern oft will man mit dem problematischen Konsum andere Defizite kompensieren.“

Um herauszufinden, ob man vielleicht süchtig ist, sollte man versuchen, den problematischen Medienkonsum herunterzuschrauben, rät Therapeut Pruin. „Wenn man das Gefühl hat, jederzeit aufhören zu können, dann sollte man das tatsächlich einmal versuchen. Wenn man dann merkt, dass man es nicht schafft, dann sollte man sich professionelle Hilfe holen.“

Mit Tricks den Konsum beschränken

Allen, die zwar nicht süchtig seien, aber dennoch einen starken Konsum hätten, empfiehlt Pruin, zu ein paar Tricks zu greifen. Beispiel Smartphone: „Wenn man weniger mit dem Handy herumdaddeln möchte, hilft es, das Handy möglichst unattraktiv zu machen. Etwa mit einem nervigen Klingelton, einem peinlichen Hintergrundbild oder auch einem ganz komplizierten Zugangscode.“ Zudem könne man am Esstisch und Nachttisch handyfreie Zonen schaffen und das Handy nicht mehr mit ins Bad nehmen.

„Die Toilette ist ein Ruheraum in dem man nicht gestört wird. Da will keiner was von einem und schon verbindet man das mit dem Griff zum Handy“, erklärt Pruin. „Das ist eine klassische Konditionierung im Gehirn, eine Suchtkonditionierung. Und das muss man erst wieder entkonditionieren.“