Amber Heard: Bashing der Schauspielerin auf TikTok ist der neue Trend

Leni HübnerLeni Hübner | 11.05.2022, 20:30 Uhr
Amber Heard verlässt im schwarzen Anzug das Gericht in Fairfax
Viele sind sich sicher, dass Amber Heard lügt, doch den ersten Prozess hat sie gewonnen...

Foto: IMAGO/ MediaPunch

Eigentlich entspricht es nicht den Richtlinien der Plattform, doch auf TikTok wird Amber Heard übelst beleidigt und vorgeführt. Ein seltsamer Trend, der Johnny Depp helfen kann.

Das öffentliche Meinungsbild ist wichtig im Prozess der beiden Hollywoodstars Amber Heard (36) und Johnny Depp (58) vor dem Gericht in Fairfax, Virginia. Vor allen Dingen Depp, der keine Verhandlung hinter geschlossenen Türen wollte, profitiert nun davon, dass jeder die Aussagen in der nachehelichen Schlammschlacht live verfolgen kann. Für die meisten scheint damit klar zu sein: Er ist das Opfer, sie die Täterin.

Soziale Medien erweisen sich mal wieder als asozial

Das zeigt sich leider auch deutlich in den sozialen Medien wie Twitter, TikTok und Co, wo Fairness immer noch ein Fremdwort zu sein scheint. Vor allem auf TikTok hat sich der Amber-Bashing-Trend durchgesetzt. Hier wird sich hemmungslos über die junge Frau lustig gemacht, die immerhin behauptet, geschlagen, gequält und mit einer Flasche vergewaltigt worden zu sein.

Drogen-Schnüfflerin oder Foto-Pose? Amber Heards verstörendes Benehmen vor Gericht

Noch ist in diesem komplizierten Fall nicht bewiesen, dass Amber Heard lügt oder Johnny Depp alle diese furchtbaren Dinge getan hat. Doch den Usern scheint das egal zu sein. Unter dem Hashtag „amberturd“ finden sich zahlreiche bizarre Beispiele dafür, dass wir noch weit davon entfernt sind, in einer offenen und nicht diskriminierenden Welt zu leben.




Vielfältige Videos gegen Amber Heard

Es werden Videosequenzen aus dem Prozess mit Kommentaren bereichert oder mit lustigen Reaktionen gegengeschnitten. Zu sehen sind auch Comiczeichnungen oder andere Fotos und Bilder, die mit Amber Heards Aussagen als Audiospur unterlegt werden. Sogar sehr kreative Ideen sind zu finden, von Menschen, die die Gerichtsszenen nachspielen oder die angebliche häusliche Gewalt mit ihren Haustieren nachstellen.

Selbst Material aus der Vergangenheit der Schauspielerin wird herangezogen, um Amber Heard das Image einer durchgeknallten Bitch zu verpassen. So beeindruckend die Energie dieser Johnny Depp Fans ist, es geht zu weit. Verwunderlich ist auch, dass TikTok den Hashtag noch nicht gesperrt hat. Denn diese Hetze widerspricht ganz klar den Richtlinien der Plattform.

Verstöße gegen Richtlinien

„Die Mission von TikTok ist es, Menschen zu inspirieren und Freude zu bereiten“, heißt es da in den Community-Richtlinien und von einem „wertschätzenden Umfeld“ ist die Rede. Aber vermutlich sind über eine Milliarde Klicks, die alle amberturds-Videos laut TikTok zusammen generieren, einfach zu viel Gewinn für die Plattform. Deshalb beruft sie sich wohl auf die Ausnahmeregelung, die Inhalte zulässt, auch wenn sie gegen besagte Richtlinien verstoßen.

Das gilt vor allem für Inhalte, die „von öffentlichem Interesse sein könnten.“ Dabei handele es sich meist um wissenschaftliche, pädagogischen, aber auch dokumentarische Inhalte sowie Kunst oder Satire, eben um einen besonderen Content, der „individuelle Meinungsäußerungen zu gesellschaftlich bedeutsamen Themen ermöglichen“ soll.

@metallme #amberheard #amberturd #johnnydepp #TalkingTree #fyp ♬ Crazy – Patsy Cline

Justice for Johnny Depp

Allerdings bekommt diese Meinungsfreiheit einen seltsamen Beigeschmack, wenn man an die Frauen denkt, die vor Me-Too geschwiegen haben, aus Angst, dass man sie nicht ernst nehmen könnte, wenn sie Missbrauch melden. Und auch bei Vergewaltigungsfällen wird bis heute oft noch nach einer Mitschuld bei den Frauen gesucht oder erst gar nicht ermittelt, weil der mutmaßliche Täter sehr angesehen oder sogar prominent ist.

Kombiniert wird der „amberturd“ meist mit dem Hashtag „justiceforjohnnydepp“. Es ist legitim, dass Fans sich für ihr Idol einsetzen und es ist auch verständlich, dass sie jedes Wort glauben wollen, was er von sich gibt. Doch angesichts der harten Beschuldigungen, die Amber Heard gegen ihren Ex-Mann vorbringt, wäre es fair, die Klärung des Falls abzuwarten.

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Löschen statt liken

Die Videos sind geschmacklos und dass nicht erst, wenn Johnny Depp schuldig gesprochen werden würde. Denn andere Frauen könnten Angst bekommen, für ihr Leid verspottet zu werden. Ein einfaches Mittel für einen fairen Umgang in den sozialen Medien ist immer, sich vorzustellen, man wäre selbst in der Lage – in diesem Fall in der von Amber Heard. Spätestens jetzt sollten allen TikTokern und ihren Viewern das Lachen im Hals stecken bleiben.

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Darum geht es im Prozess

Johnny Depp hat Amber Heard auf 50 Millionen Dollar (46 Mio. Euro) verklagt – wegen eines Beitrags, den sie 2018 in der „Washington Post“ veröffentlichte. Darin behauptete sie, Opfer von häuslicher Gewalt zu sein. Ihren Ex-Mann hat sie nicht namentlich erwähnt. Depp behauptet, der Beitrag habe dennoch seine Karriere ruiniert, seinen Ruf beschädigt und dadurch viel Geld gekostet. Heard soll laut „Variety“ Gegenklage gegen ihren Ex eingereicht haben, in Höhe von 100 Millionen Dollar (92 Mio. Euro).