Novak Djokovic: Das steckt hinter dem Tennis-Abschiebekrimi in Australien

Leni HübnerLeni Hübner | 06.01.2022, 16:00 Uhr
Novak Djokovic: Das steckt hinter dem Tennis-Abschiebekrimi in Australien
Novak Djokovic: Das steckt hinter dem Tennis-Abschiebekrimi in Australien

Hotel, in dem auch Djokovic in Quarantäne steckt. © IMAGO / AAP

Die Nummer Eins der Weltrangliste reist mit Sondergenehmigung zum Turnier nach Australien. Nun soll er wieder ausgewiesen werden. Ein Machtspiel oder arrogantes Kalkül?

Einer der größten Tennisstars der Welt möchte an einem der wichtigsten internationalen Turniere teilnehmen. So weit, so gut. Nur leider bestimmt noch immer Corona unser Leben – ausnahmslos, das muss nun auch Novak Djokovic erfahren.

Der 34-Jährige, der in seiner serbischen Heimat als Held vergöttert wird, glaubt, für ihn gelten andere Regeln, selbst in Australien, wo das Turnier stattfindet. Doch weit gefehlt.

Australien setzt auf Null-Toleranz beim Virus

Die Australian Open, an denen der Weltranglistenerste gern teilnehmen möchte, finden in Melbourne statt. Eine Stadt, die es während der Pandemie hart getroffen hat: 250 Tage war die zweitgrößte Metropole Australiens im Lockdown. Denn Down Under wird die sogenannte Null-Covid-Strategie gefahren, die mit europäischer Unentschlossenheit im Kampf gegen das Virus nur wenig gemein hat.

Australien setzt vor allem auf weitreichende Impfkampagne, Schließungen der Außengrenzen und eben konsequente Lockdowns, sobald die Zahlen steigen, um rigoros gegen die Ausbreitung des Virus zu steuern und die Infektionszahlen wieder auf Null zu bringen. Trotzdem scheint sich die Omikron-Variante auch hier schneller auszubreiten, als andere Varianten zuvor.

Titelverteidigung könnte scheitern

Novak Djokovic weiß natürlich, dass er als neunmaliger Gewinner eine Attraktion des Turniers ist, doch nun scheint er zu hoch gepokert zu haben. Statt seinen Impfstatus offen zu legen, beantragte er eine Sondergenehmigung, um die geltenden Regeln für sich selbst außer Kraft zu setzen. Und tatsächlich erhielt er von der Turnierleitung eine solche Ausnahmegenehmigung zur Einreise ohne Impfnachweis.

Als das bekannt wurde, war die Empörung in Australien bereits groß. Immerhin erleben die Australier selbst seit zwei Jahren enorme Einschränkungen und haben kein Verständnis dafür, dass irgendjemand davon ausgenommen wird, nur weil er gut Tennis spielen kann. Die Canberra Times beschreibt die Stimmung der Menschen im Land als „frustriert, enttäuscht, angewidert, das Gefühl, als hätten wir alle gerade eine massive Ohrfeige bekommen.“

Novak Djokovic: Das steckt hinter dem Tennis-Krimi in Australien

IMAGO/ ZUMA Wire

Keine Ausnahmen

Die Grenzbehörden sind auch australisch und offensichtlich ebenfalls der Meinung, dass die Regeln für alle gleich sind – egal ob Tennisprofi, Hollywoodstar oder Politiker. Weil Novak Djokovic keine ausreichenden Belege vorlegen konnte, warum in seinem Fall eine Ausnahme gemacht werden sollte, haben die Grenzer sein Visum annulliert.

Djokovic Anwälte haben nun laut „The Sydney Morning Herald“ eine einstweilige Verfügung erwirkt, damit der Tennisspieler zunächst bis Montag im Land bleiben darf, um den Fall aufzuklären. Dann wird vor Gericht darum gestritten, wie es weitergeht, oder der gebürtige Serbe nutzt die Frist, um bis dahin alle notwendigen Unterlagen nachzureichen.

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Corona-Hotel statt Trainingslager

Während Djokovic nun in einem Corona-Hotel für Einwanderer festsitzt, entwickelt sich sein Fall zum Politikum. Auf Instagram meldete sich der serbische Präsident Aleksandar Vucic (51) zu Wort, um zu erklären, dass sein Land hinter Djokovic stehe, dass habe er dem Tennisprofi bereits telefonisch zugesichert. Parallel dazu arbeiten die serbischen Behörden daran, „alle Maßnahmen“ zu ergreifen, „damit die Misshandlung des besten Tennisspielers der Welt so schnell wie möglich“ aufhöre.

Novak Djokovics Vater, Srdjan Djokovic (61) geht noch weiter, so soll er gegenüber Medien in der Heimat gesagt haben: „Mein Sohn ist heute Nacht in australischer Gefangenschaft, aber er war noch nie freier. Von diesem Moment an ist Novak zum Symbol und Führer der freien Welt geworden… die keine Ungerechtigkeit, Kolonialismus und Heuchelei duldet, sondern für die Gleichberechtigung aller Menschen auf dem Planeten kämpft.“ Ansichtssache.

Fall ist ein Politikum

Dem entgegen stellt sich der australische Premierminister Scott Morrison (53), der betont, dass Novak Djokovic lediglich – wie alle anderen auch – ausreichende Belege zur Einsreise vorlegen müsse: „Wenn er nicht geimpft ist, muss er einen akzeptablen Nachweis erbringen, dass er aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden kann, um Zugang zu den gleichen Reiseregeln wie vollständig geimpfte Reisende zu erhalten.“ Sonst setzt man ihn in den nächsten Flieger nach Hause.

Verbündete im Tennissport sind jedenfalls nicht in Sicht. Einer von Djokovic prominenten Gegnern, Rafael Nadal (35), hat kein Verständnis für die Sonderwünsche des Serben. Er selbst hat Corona gehabt und ist doppelt geimpft. Außerdem vertraue er auf die Wissenschaft und die Mediziner, die wissen, wie die Pandemie in den Griff zu kriegen sei. „Und die Welt hat meiner Meinung nach genug gelitten, um die Regeln nicht zu befolgen“, erklärte er im Rahmen der Australian Open.

Licht ins Dunkel

Der deutsche Davis-Cup-Teamchef Michael Kohlmann hofft, „dass da vielleicht ein bisschen Licht reinkommt“, sagte er der DPA. „Es wäre schon für alle Spieler und alle, die im Tennis arbeiten, interessant zu hören, wie es dazu gekommen ist.“ Und Boris Becker (54), der den Serben von 2014 bis 2016 trainiert hat, bittet um Verständnis für den Top-Spieler.

In einem Video erklärt der ehemalige Wimbledon-Gewinner gegenüber RTL, dass die Entscheidung, sich impfen zu lassen, bei jedem Einzelnen liege. Becker selbst sei geimpft, aber auch schon in seinen 50ern, Djokovic sei Sportler und in den 30ern. „Aber jeder muss sich an die bestimmten Regeln halten, die gemacht wurden, um an den Australian Open teilzunehmen.“

Turnierdirektor bittet um Aufklärung

Der Turnierdirektor Craig Tiley habe deutlich gemacht, dass Novak keine Ausnahme sei, meint Becker. „Insgesamt sechs Spieler haben eine Ausnahmegenehmigung aufgrund ihrer Geschichte und so weiter erhalten“, führt Becker weiter aus und meint, dass Novak eben nur mehr Aufmerksamkeit erhalte als andere, dabei sei er nicht bei allen beliebt.

Allerdings bittet der 60-jährige Turnierdirektor nun Djokovic eindringlich, endlich zu erklären, warum er eine Ausnahme genehmigt bekommen habe. Scheinbar kann das aus datenschutzrechtlichen Gründen nur der Sportler selbst, der sich aber noch gar nicht zu seiner medizinischen Vorgeschichte oder anderen Fragen geäußert hat.

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Fans aus Serbien protestieren für die Freilassung von Novak Djokovic vor dem Quarantäne-Hotel in Melbourne.

Foto: IMAGO/ AAP

Die Regeln sind die Regeln

Nun, Novak mache Dinge anders, meint Becker, aber „er hält sich an die Regeln.“ Damit liegt der schwarze Peter doch wieder bei der Turnierleitung – zumindest aus Sicht des Wahl-Londoners. Darüber hinaus bittet Becker Djokovic ebenfalls, den Fall transparent zu machen und sich seiner Verantwortung als Vorbild bewusst zu sein. Was so viel heißt, wie: Lass das Taktieren.

Das Turnier jedenfalls soll am 17. Januar starten. Für Djokovic wäre eine schnelle Klärung wichtig, denn eigentlich müsste er nun jeden Tag trainieren, um sich an das Klima und die Plätze zu gewöhnen und sein Niveau auf den Punkt zu bringen. Diesen Montag um 8 Uhr nach unserer Zeit beginnt die Verhandlung in Melbourne, die dem Krimi ein Ende setzen wird. So oder so.