„Shine“ als Schritt ins Licht: Geoffrey Rush wird 70

Mit wilder Frisur: Geoffrey Rush wird 70.
Mit wilder Frisur: Geoffrey Rush wird 70.

Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

02.07.2021 13:00 Uhr

Ob Pirat, Pianist oder Pelikan: Geoffrey Rush ist in allen Rollen ein schauspielerisches Ausnahmetalent. Exzentriker kann er besonders gut. Gleich für den ersten großen Film bekam der Charaktermime den Oscar.

Der Name des Films war bereits eine Art Omen: „Shine – Der Weg ins Licht“. Geoffrey Rush verkörperte darin 1996 einen Landsmann, den australischen Ausnahmepianisten David Helfgott, der an einer psychischen Erkrankung leidet.

Es war Rushs erste große Rolle, obwohl er schon Mitte 40 war. Aber er spielte den unkonventionellen Helden zwischen Genie und Wahnsinn so überzeugend, dass er gleich den Oscar als bester Hauptdarsteller einheimste. „Shine“ war Geoffrey Rushs persönlicher Schritt ins Licht. An diesem Dienstag (6. Juli) wird der Charakterdarsteller mit der markanten Nase 70 Jahre alt.

„Shine“ veränderte sein Leben

Niemand habe damals eigentlich mit Rush drehen wollen, weil er keinerlei Film-Erfahrung hatte, sagte Regisseur Scott Hicks später. „Er war erst das größte Problem und dann die größte Freude.“ Für die Aufnahmen klavierspielender Hände brauchte Rush nicht einmal ein Double, weil er in seiner Jugend Unterricht genommen hatte. „’Shine‘ hat mein Leben verändert“, sagte er der Zeitschrift „The Big Issue“. Nach dem Oscar sei er urplötzlich auf dem Radar der Filmwelt gewesen.

Längst ist der in Toowoomba westlich von Brisbane geborene Australier, der seit seinen Studententagen mit Leib und Seele Theater spielt, einem breiten Publikum bekannt – vor allem als fieser Pirat Hector Barbossa in der „Fluch der Karibik“-Saga an der Seite von Johnny Depp (Jack Sparrow).

2017 schlüpfte Rush hingegen wieder in die Rolle eines ebenso kreativen wie skurrilen Geistes: In Stanley Tuccis Film „Final Portrait“ spielte Rush den Schweizer Bildhauer und Maler Alberto Giacometti, einen Exzentriker mit wirrem Haar, zerfressen von Unruhe über sein Werk.

Männer mit wilden Frisuren

In der Fernsehserie „Genius“ hatte er kurz zuvor bereits Albert Einstein verkörpert, noch so jemand mit einer wilden Frisur. Wem fühlte er sich selbst denn näher? „Für mich ist es im Grunde das Gleiche. Ich fühle oft gewisse Gemeinsamkeiten“, sagte er 2017 der Deutschen Presse-Agentur in einem Interview. „Es sind alles spezielle Männer, die das Gefühl des Zeitalters, in dem sie lebten, auf gewisse Weise definieren.“ Kriminelle, Revolverhelden oder Cowboys spiele er hingegen eher selten, betonte er.

Rush beeindruckte Kritiker und Publikum in zahlreichen weiteren Filmrollen. Etwa gleich zwei Mal als Sir Francis Walsingham, den Berater und Vertrauten der Königin, in den opulenten „Elizabeth“-Historienstreifen von Shekhar Kapur. Oder in der Titelrolle von „The Life and Death of Peter Sellers“ unter Regie von Stephen Hopkins. Und auch in John Boormans Agentenkomödie „Der Schneider von Panama“ als Luxus-Schneider Harry Pendel.

Drei weitere Male wurde er für einen Oscar nominiert: 1999 für seine Rolle als Theaterbesitzer Philip Henslowe in „Shakespeare in Love“, 2001, als er in „Quills – Macht der Besessenheit“ den Marquis de Sade spielte, und 2011 für seine Darstellung des Sprachtherapeuten Lionel Logue in dem Film „The King’s Speech“. Auch Baftas, Golden Globes, einen Emmy und einen Tony hat er schon gewonnen. 2017 erhielt er die Berlinale-Kamera für seine langjährige Verbundenheit mit dem Festival: Rush war bis dahin insgesamt mit acht Filmen bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin vertreten.

Er teilte sich eine Wohnung mit Mel Gibson

Dabei schlug sein Herz lange fast ausschließlich für das Theater. Zur Fortbildung studierte er ab 1975 für zwei Jahre Pantomime, Bewegung und Theater an der Pariser Schule Jacques Lecoq. Unter anderem stand er als Narr in Shakespeares „King Lear“ und als Oberon in „Ein Sommernachtstraum“ auf der Bühne. Mit Mel Gibson spielte er 1979 in Sydney in „Warten auf Godot“ – die beiden teilten sich damals vier Monate lang eine Wohnung.

Seit 1988 ist Rush mit der Schauspielerin Jane Menelaus verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder, die zu seinen schärfsten Kritikern gehören, wie Rush in einem Interview des „Guardian“ einmal humorvoll anmerkte. Als er in dem Pixar-Meeresabenteuer „Findet Nemo“ 2003 dem Pelikan Nigel seine Stimme lieh, meinten die Sprösslinge: „Papa, der Pelikan hat Deine Nase.“ „Das war die gemeinste Kritik, die ich je bekommen habe“, kommentierte Rush.

Die australische Akademie für Film und Fernsehen (AACTA) bezeichnet ihren Gründungspräsidenten als „einfach einen der besten Schauspieler der Welt“. „Ich habe Glück gehabt“, sagte Rush dem „Guardian“. „Es lief alles prima mit der Schauspielerei, und dann kam auch noch die Filmkarriere.“