Worum geht es eigentlich im Fall Kimmich?

Tony PolandTony Poland | 25.10.2021, 17:25 Uhr
Worum geht es eigentlich im Impffall Kimmich?
Worum geht es eigentlich im Impffall Kimmich?

Foto: IMAGO / Sven Simon

Aufgrund stark steigender Infektionszahlen ist die Impfdebatte aktuell in Deutschland wieder ein höchst brisantes Thema. Die Aussagen von Fußballstar Joshua Kimmich sorgen in diesem Zusammenhang für weiteren Wirbel. Der Fußballstar ist noch nicht geimpft.

Als Leistungsträger beim FC Bayern München und Anführer der Deutschen Fußballnationalmannschaft ist Joshua Kimmich (26) einer der populärsten Sportler in Deutschland. Der Vater von zwei Kindern gilt dazu als authentisch, reflektiert und bodenständig. Das macht ihn überaus beliebt. Auch sein Blick über den Tellerrand des Sports bringen ihm viele Sympathiepunkte.

Mit seinen Aussagen zum Impfthema am vergangenen Wochenende hat sich der Fußballer nun aber ein Eigentor geschossen. Zumindest für einen Großteil der deutschen Bevölkerung. Denn Kimmich bestätigte, dass er noch nicht gegen Corona geimpft ist. Der laute Aufschrei darüber hallt noch immer nach.

Kimmichs Bedenken „aufgrund fehlender Langzeitstudien“

Der einzige und schnellste Weg aus der Pandemie ist bekanntlich – bislang nicht wissenschaftlich widerlegt – die Impfung gegen Covid-19. Da ist es geradezu paradox, dass ein hochbezahlter Sportler diesen Schritt verweigert. Auch wenn Kimmich, wie jeder andere auch, natürlich selber über seinen Körper entscheiden darf.

„Ich habe für mich persönlich noch ein paar Bedenken, was fehlende Langzeitstudien angeht“, begründete der Fußballer seine bisherige Entscheidung am 23. Oktober beim Sender Sky. Ohnehin werde er im Rahmen seines Berufs alle zwei bis drei Tage getestet, zudem halte er sich an alle Hygienevorschriften.

Das (vorläufige) Nein zu einer Corona-Impfung stößt bei Politikern und Experten mehrheitlich auf Kritik. „Es ist nicht gut, dass er nicht geimpft ist“, sagte etwa der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (58) bei Sport1. „Wenn er sagt, er wartet ab, dann ist das schwierig.“

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Joshua Kimmich und Freundin Lina Meyer zu Besuch auf dem Oktoberfest

IMAGO / Sven Simon

Ins selbe Horn bläst auch Thomas Mertens (71). Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko) wies die Befürchtungen von Kimmich zurück. „Dass es bei der Anwendung eines Impfstoffes über knapp ein Jahr keine Zehnjahres-Beobachtungsstudien geben kann, ist klar. Neben den Zulassungsstudien wissen wir aus den begleitenden Studien, dass es nur zu einigen Nebenwirkungen gekommen ist, die alle recht kurze Zeit nach der Impfung aufgetreten sind“, sagte der führende Impfexperte Deutschlands der dpa.

In der Wissenschaft sei man sich einig, dass spät auftretende Nebenwirkungen nach einer Impfung nicht vorkommen, beziehungsweise eine extrem seltene Rarität bei einzelnen Impfstoffen gewesen seien.

Verkennt Joshua Kimmich seine Vorbildfunktion?

Nun gibt es bislang keinen Impfzwang in Deutschland und jeder Mensch muss die Frage nach dem Pieks gegen Corona für sich selbst beantworten. Aber klar ist die Tragweite einer Entscheidung eines Otto Normalbürgers eine andere, als die im Falle Joshua Kimmich. Schließlich steht der weltbekannte Profi täglich im Rampenlicht der Öffentlichkeit und ist Vorbild für Millionen Menschen.

Außerdem gründete Kimmich gleich in der ersten Welle der Pandemie die Spenden-Initiative „We Kick Corona“. Zusammen mit Mitspieler Leon Goretzka (26) spendete der Kicker viel Geld aus eigener Tasche für soziale Einrichtungen, um durch Corona in Not geratene Personen zu unterstützen. Dieses Engagement ist ihm nicht hoch genug anzurechnen.

Doch inzwischen steht die Frage, wie das zusammenpasst. Wie kann einer der Vorreiter im Kampf gegen Corona nicht geimpft sein? Das ist für die meisten Leute nicht zu verstehen.

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Darum darf Joshua Kimmich in 2G-Stadien

Ohnehin brät sich nach Meinung der Mehrheit der Profifußball hier wieder einmal eine viel zitierte Extrawurst. Viele Stadien setzen inzwischen auf das 2G-Modell, ungeimpfte oder nicht genesene Zuschauer erhalten keinen Zutritt. Also sollte Kimmich der Zutritt ebenfalls verwehrt bleiben! So lautet zumindest die öffentliche Meinung.

Allerdings entbehrt diese Diskussion jeder Grundlage. Der Grund dafür liegt in seinem Beruf. Kimmich gilt in diesem Fall als normaler Arbeitnehmer, der seinen Job ausübt. Hierfür gibt es noch keine 2G-Pflicht. Der Stadionbesuch fällt dagegen unter die Kategorie der Freizeitaktivitäten, somit muss aktuell ein Nachweis gefordert werden.

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Neuer Nährboden für alle Impf-Zweifler

Die gesamte Haltung von Kimmich ist angesichts der Tatsachen fahrlässig. Schließlich setzt er sich durch den Verzicht auf eine Impfung einem höheren Infektionsrisiko aus. Und damit auch einem möglicherweise schwereren Verlauf. Dazu kommt die Gefahr einer möglichen Quarantäne von 14 Tagen, was seinen Arbeitgeber Bayern München stark schwächen würde.

Was allerdings noch schlimmer ist: Mit seinem Verhalten und seiner Erklärung hat der Fußballer vielen Impf-Zweiflern und Skeptikern natürlich eine perfekte Steilvorlage gegeben. Außerdem bekommen Verschwörungstheoretiker ein weiteres Promi-Gesicht für ihre lächerlichen Theorien.

Allerdings betonte Kimmich, nicht zu den Impfgegnern zu gehören. „Es ist auch sehr gut möglich, dass ich mich in Zukunft impfen lasse“, sagte er abschließend bei Sky.

Das wäre tatsächlich ein wichtiges und richtiges Signal. (TP)