Xavier Naidoo: Warum starke Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit bestehen

Leni HübnerLeni Hübner | 20.04.2022, 20:15 Uhr
Xavier Naidoo mit Mikro und Käppi auf der Bühne
Xavier Naidoo mit Mikro und Käppi auf der Bühne

Foto: IMAGO/ Revierfoto

Er war ein Superstar und rückte sich mit verstörenden Aussagen aus dem Rampenlicht. Nun vollzieht Xavier Naidoo innerhalb weniger Tage eine totale Kehrtwende? Wohl kaum.

Der Weg ins Abseits war lang und für die Fans des Sängers unvorstellbar, doch Xavier Naidoo ist ihn gegangen. Und zwar radikal. Seine Aussagen waren keine kleinen Aussetzer, er vertrat Ideologien von Reichsbürgern, verbreitete Verschwörungstheorien, leugnete die Existenz des Corona-Virus, in seinen Songtexten findet man Homophobie und man darf ihn offiziell als „Antisemit“ bezeichnen.

Ausgerechnet Putin läutert Xavier Naidoo?

Seit einem halben Jahr hat sich Xavier Naidoo aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Still und starr ruhten seine Social-Media-Profile, es sei denn, ihm fiel eine neue Theorie ein, die er unter das Volk bringen musste, um uns zu retten vor den bösen Mächten, die sich hinter unserer Demokratie verbergen. Und all das hat Wladimir Putin nun weggebombt.

Xavier Naidoo entschuldigt sich in diesem Video.

Plötzlich fällt es dem Sänger auf, dass er immer schon falsch lag. Dabei ist fast seine gesamte Karriere gefüllt mit kleineren und größeren Skandalen, die er durch seine Songtexte oder Aussagen ausgelöst hat. Auf jede noch so schräge Theorie sprang er auf: Hinter 9/11 stehe in Wahrheit nicht al-Qaida sondern die CIA, Fridays-for-Future habe der Antichrist gegründet und Wissenschaftler würden allein mit Lügen eine Klimahysterie auslösen.




Wer die Wahrheit sucht, kommt darin um

Ja, man kann mal „geblendet“ sein, wie er es ausdrückt, doch irgendwie lässt sich der echte Xavier Naidoo, der nur auf der Suche nach Wahrheit war, nirgendwo finden. Menschen, die den Sänger privat kennen, betonen immer wieder, was für ein netter Kerl er sei und dass er nur immer missverstanden werde und irgendwie kein Gespür für die Auswirkungen seiner kruden Gedanken habe. Als Profi sollte er aber in seiner recht langen Karriere verstanden haben, dass sein Wort Gewicht hat und deshalb überlegt sein sollte.

Es stimmt, auf einige seiner „missverständlichen“ Aussagen folgten Richtigstellungen, so ist das aktuelle Video auch als Höhepunkt einer losen Abbitten-Kette anzusehen, die der bekennde Christ immer mal wieder aufnimmt. Ist nun also alles vergeben und vergessen? Natürlich hat jeder eine zweite Chance verdient, für Xavier Naidoo ist es aber nicht die zweite, sondern eine von vielen: Unzählige Neuanfänge, die man ihm im TV und auf Konzertbühnen ermöglicht hat, konnte er stets nur kurzfristig nutzen.

Die toxische Liebe seiner Fans

Es scheint, als hätten seine Fans eine toxische Beziehung mit dem gefallenen Star aus Mannheim. Man will ihm glauben, weil er ja so gut singen kann und eigentlich wirkt er ja auch immer so sympathisch, bis er die gerechte Welt wieder im Stich lässt und den gesunden Menschenverstand verbal verprügelt. Also muss eine Trennung her und nicht schon wieder ein Neuanfang.

Im Video, das er unter dem Hashtag „OneLove“ veröffentlicht, mit dem er schon seine letzte Entschuldigung markierte, macht er sich fremde Worte zu eigen. Wer würde denn von sich selbst behaupten, dass er „verstörende Äußerungen“ getätigt habe, mit denen er andere Menschen „irritiert und provoziert“ habe? Dieses nicht umgangssprachliche Vokabular wirkt, als habe die Reue ein Anwalt formuliert. Emotionslos und überkorrekt liest Xavier Naidoo den Text von einem Prompter ab.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an Ein Beitrag geteilt von Xavier Naidoo (Official) (@xaviernaidoo)

Toleranz und Homophobie: Geht das zusammen?

Nun besteht Xavier Naidoo darauf, für „Toleranz, Vielfalt und ein friedliches Miteinander“ zu stehen. Und wir haben ihm das zu glauben. „Nationalismus, Rassismus, Homophobie und Antisemitismus sind mit meinen Werten nicht vereinbar“, betont er außerdem. Komischerweise vergisst er zu erwähnen, dass all das mit seinen „neuen“ Werten nicht zu vereinbaren ist. Denn bis vor kurzem stand er doch genau für das Gegenteil – bewusst oder unbewusst.

Irgendwie macht Xavier Naidoo den Eindruck, der Russlandkrieg komme ihm als Anker für ein Comeback gelegen. Der Krieg überstrahlt gerade alle anderen Themen. In den Nachrichten sind die Corona-Fallzahlen nach hinten gerückt, auch Wahlkämpfe, Umweltkatastrophen und Verbrechen verblassen hinter den grausamen Angriffen und Kriegsverbrechen der russischen Armee.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an Ein Beitrag geteilt von Xavier Naidoo (Official) (@xaviernaidoo)

Ein Erklärvideo, das Fragen aufwirft

Das ist ein bitterer Vorwurf. Klar. Natürlich glaubt man Xavier Naidoo, dass ihn der Krieg betroffen macht, zumal seine Frau aus der Ukraine stammt und er geholfen hat, Familie und Freunde aus den Kriegsgebieten zu holen. Ja, diese Gewalt kann er nicht leugnen und will er auch nicht leugnen. Das ist ein Anfang, auch wenn andere Stars längst mehr tun.

So heftig reagiert das Netz auf Xavier Naidoos Video

Xavier Naidoo hat sich kritisch hinterfragt, dazu gratulieren wir – ohne Ironie. „Ich habe erkannt, auf welchen Irrwegen ich mich teilweise befunden habe und dass ich in den letzten Jahren viele Fehler gemacht habe“, erklärt Xavier Naidoo und auch das ist lobenswert. Doch ganz ehrlich: Was erwartet er denn? Was bezweckt er mit dem Video?




Der ungerade Weg zurück

Will er Liebe oder zurück auf die Bühne? Hat er einen neuen Coup oder ein altes Album, was raus muss? Diese Fragen drängen sich auf. Seine Botschaft scheint orchestriert, dahinter schimmert ein Masterplan, der die Aussagen fadenscheinig wirken lässt. Zudem ist das Video nicht spontan entstanden, es ist professionell konzipiert. Klar, er will sich nicht wieder um Kopf und Kragen reden.

Nun, aber das verstehen wir nicht, weil Xavier Naidoo etwas Besonderes ist – Achtung, hier ist nun Ironie zu entdecken. Er ist ein Wahrheitssuchender, aber das verstehen wir als Normalos, die alles glauben, was man ihnen vorsetzt natürlich nicht- „Wer sich auf diese Suche macht, der macht sich auch auf den Weg und auf diesem Weg trifft man natürlich Menschen, mit den unterschiedlichsten Ansichten und Interessen“, erklärt uns Xavier sorgfältig.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an Ein Beitrag geteilt von Xavier Naidoo (Official) (@xaviernaidoo)

Offenheit ist keine Tugend

Dass man auf diesem Weg einen moralischen Kompass nutzen könnte, der einen hilft, gut von böse und richtig von falsch zu unterscheiden, ist natürlich nur eine naive Idee, die nicht in Naidoos Erläuterungen passt. So erfahren wir, dass der Weg auch Abzweigungen hat und nicht nur geradeaus geht. Ist das für jemanden neu? Xavier Naidoo hat sich verrannt und Gruppierungen und Theorien geöffnet, von denen er sich nun distanziert.

Wieso wählt er in diesem durchkomponierten Text das positiv konnotierte Wort „öffnen“. Es ist nichts falsch daran, sich solchen Menschen zu verschließen und rassistische oder menschenverachtende Thesen rundweg abzulehnen. Mit verschränkten Armen, wenn es sein muss.

Und was kommt nun, Xavier Naidoo?

Seine Entschuldigung anzunehmen, fällt schwer. Wenige Promis wie Yvonne Catterfeld und Kool Savas begrüßen seinen Schritt auf Instagram mit einem „gefällt mir“-Klick. Beide haben eine ganz unterschiedliche Geschichte mit dem Sänger. Kool Savas geriet gemeinsam mit Xavier und dem Song „Wo sind sie jetzt?“, in dem Pädophile, Ritualmorde und Macht in seltsame Zusammenhänge gebracht wurde, in einen Shitstorm.

Yvonne Catterfeld sieht in ihm vermutlich vor allen Dingen den hervorragenden Musiker, der er abgesehen von seinen Textinhalten wohl ist. Aber als Künstler und Profi hat er oft verbrannte Erde hinterlassen. Zu oft? Wir beobachten Xavier Naidoo weiterhin kritisch, denn auf diese kalkulierten Worte müssen erst einmal Taten folgen, die überzeugen.