„Das Hausboot“: Wie man einen Haufen Schrott zum Netflix-Hit macht

„Das Hausboot“: Wie man einen Haufen Schrott zum Netflix-Hit macht
„Das Hausboot“: Wie man einen Haufen Schrott zum Netflix-Hit macht

© Brian Jakubowski

05.04.2021 21:20 Uhr

Heimwerker-König Flynn Kliemann, Multi-Talent Olli Schulz und das schwimmende Erbe von Schlager-Star Gunther Gabriel oder: Wenn die Verzweiflung am größten ist, mach eine Doku daraus und geh zu Netflix.

Beim Streaming-Riesen ist „Das Hausboot“ unter „Doku Haus und Garten“ abrufbar – wunderbar! Warum wir von der Doku so begeistert sind, erzählen wir hier.

Es war einmal ein Schlager-Barde, der hieß Gunter Gabriel (1942 – 2017) und er lebte auf dem Hausboot „Magdeburg“. Der wohl größte Hit dieses knarzigen Typen hieß „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ – was für ein Omen für unsere beiden Elbe-Abenteurer! Der deutsche Johnny Cash war ein Urgestein in der Unterhaltungsbranche. In der Doku „Das Hausboot“ betreten der You-Tube-Star Fynn Kliemann und Sänger, Podcaster, Schauspieler und schräger Vogel Olli Schulz als ungleiches Paar die Bühne und man denkt sofort, so was Schönes bringt nur das echte Leben hervor.

„Das Hausboot“: Wie man einen Haufen Schrott zum Netflix-Hit macht

© Brian Jakubowski

Wir haben ja weltweit gerade kein richtiges echtes Leben, sondern nur so eins auf Sparflamme oder schlimmer, worauf wir nun echt nicht noch darauf herumreiten müssen. Das Duo ist so weit voneinander entfernt, das muss einfach funktionieren und gibt ganz nebenbei noch Stoff für vier Teile Doku zum Thema Stress, Geldmangel, richtig viel Dreck und bezieht herrlich Stellung zur Lebensfrage „Wieso sind andere Leute nicht wie ich, das geht doch gar nicht!“

So war es gedacht

Zwei „Vollidioten“ kaufen ohne Sachverständigen das Hausboot von „Komm unter meine Decke“-Sänger Gunther Gabriel. Und das Wunderbare daran ist: sie fühlen sich als Glückspilze. Kein anderer Interessent hat bei diesem super-günstigen Kultobjekt seine Finger draufgelegt. Das Schnäppchen wurde einst in der „Bild“-Zeitung angepriesen und Olli Schulz dachte, das Hausboot, das wäre doch was. Drei, zwei, eins, wird alles Überflüssige entfernt und eine tolle Location für Kunst- und Kulturtreibende daraus. Als Partner für so handfeste Projekte kommt Fynn Kliemann, der Heimwerkerkönig auf Youtube ins Boot – wo sonst findet man patente Fachkräfte?

Olli Schulz: „Wenn es jemanden gibt, der Bock hat mit mir dieses Boot aufzumöbeln und der das auch kann, dann – hab ich mir gedacht – ist das Fynn Kliemann!“ Dieser gibt dagegen zu, dass er Schulz eigentlich gar nicht kannte, sich aber trotzdem mit ihm an das Großprojekt wagte: „Ich kannte Olli gar nicht, wir sind bisschen durch Hamburg getingelt und 2-3 Tage später kam er mit der Idee zum Hausboot um die Ecke.“

Das Hausboot soll hip werden, sie wollen es nach ihren eigenen Vorstellungen neu gestalten. Sie versuchen, ihre Vision eines Ortes umzusetzen, der zur musikalischen Kreativität anregt und Platz für Konzerte, Jam-Sessions und Studioaufnahmen bietet.

„Das Hausboot“: Wie man einen Haufen Schrott zum Netflix-Hit macht

© Brian Jakubowski

Und das wurde daraus

Aus „Wir räumen kurz mal das Zeugs raus“ wurde zwei Jahre Blut, Schweiß und Nervenzusammenbrüche. Ach ja, und Tobsuchtsanfälle mit unschönem Vokabular, wilden Beschimpfungen und unflätigem Ton, na, so was in der Art eben. Und die Kamera hat immer schön draufgehalten, wie das Paar, was nicht zueinander passt, doch zu einem wurde. Ihre Arbeit in dieser Zeit wurde durchgängig mit der Kamera festgehalten. Dieses Gerangel und Gereibe um Lösungen, Entscheidungen von den beiden sehr unterschiedlichen Typen ist der Kern der Doku. Das Hausboot ist in ihr Leben gekracht in einer Omnipräsenz und beide nehmen die Herausforderung ganz unterschiedlich an. Dieses Miteinander müssen und sehr viele andere Sachen im Leben auf nachrangig zu setzen – diese Leistung zu beobachten zu dürfen macht die große Qualität der Doku „Das Hausboot“ aus. Auf ihrem langen, rostigen Weg durch das Hausboot wurden Olli Schulz und Flynn Kliemann aber auch tatkräftig von anderen Musikern, Freunden und echten Profis unterstützt.

„Das Hausboot“: Wie man einen Haufen Schrott zum Netflix-Hit macht

© Brian Jakubowski

Zwei Frontschweine liefern 1A-Unterhaltung

Die beiden Hauptheimwerker Olli Schulz und Fynn Kliemann sind immer Vordergrund. „Dienstag ist Boottag!“ ist ihre Verabredung, aber über alles andere sind sie sich generell uneinig. Als sie und ihre Crew anfangen, den Pott auszuräumen, kommt ein Desaster nach dem anderen zum Vorschein. Der Kahn ist Schrott, die Elektrik marode und auch vom Schiffsrumpf ist so gut wie gar nichts mehr zu gebrauchen. Das nennt man dann wohl „Auf dem Boden der Tatsachen ankommen“.

Die Kohle zerrinnt ihnen nur so durch die Finger, so dass die Frage im Raum steht: Weitermachen oder verschrotten? Aber der Team-Spirit siegt und die zwei Ökonomen holen sich Rat von anderen potentiellen Geldgebern, wie z.B. von TV-Koch Tim Mälzer.

„Das Hausboot“: Wie man einen Haufen Schrott zum Netflix-Hit macht

© Jonas Neugebauer

Ein Haufen Schrott, der aber schwimmt!

Das Flottmachen vom Hausboot ist unterm Strich ein Beziehungsfilm. Nicht so düster wie Ingmar-Bergmann-Filme, aber die Doku gibt reichlich Einblicke in eine angespannte Beziehung. Ohne die Schnapsidee, den Haufen Schrott zu kaufen, hätte es aber auch keine Chance gegeben, sich selbst und andere besser kennen zu lernen. So kann man es eben auch sehen, ohne gleich die Küchenpsychologie bemühen zu wollen. Zwei streiten sich, gehen sich auf die Nerven und an die Kehle – und machen trotzdem weiter. Überwinden alle Animositäten und ziehen es durch.

Das Hausboot liegt heute in Hamburg bereit. Am Ende sitzt das Duo Infernale an Bord und legt eine Mini Jam Session hin. Webdesigner Flynn Kliemann hat 2018 nämlich sein Debütalbum „Nie“ veröffentlichte und legte 2020 das nächste Album „Pop“ nach. Jetzt muss sich bloß noch Corona verziehen, dann können auch endlich Musiker auf das Hausboot einziehen und kreativ sein.

Wozu doch ein Haufen Schrott so alles gut sein, oder? (Kinotante Katrin)

By the way: Das Hausboot kann man auch mieten: Hier!