„Tatort“ – die größten Skandale vor und hinter den Kulissen

Redaktion KuTRedaktion KuT | 02.01.2022, 18:37 Uhr

IMAGO / Rüdiger Wölk

Wenn eine Sendung so publikumswirksam ist wie der „Tatort“, entgeht es natürlich niemandem, wenn eine Folge mal etwas wagt und mit den eingesessenen Sehgewohnheiten des Publikums bricht. Das sorgt nicht selten für Skandale.

Der „Tatort“ hat sich in über 50 Jahren und mit 1.175 Folgen zum Programm-Flaggschiff des deutschen Fernsehens gemausert und ein Ende ist nicht in Sicht. Stand er anfangs noch für eine Revolution im TV, ist er heute der Inbegriff von Tradition.

Umso mehr schockt es die Fans, wenn die Macher doch mal neue Wege bestreiten, was wohl mehr über die Sehgewohnheiten der Zuschauer aussagt als über den „Tatort“ selbst. Aber nicht nur vor, sondern auch hinter den Kulissen des „Tatorts“ kann es ungemütlich werden. Eine Bilanz.

Der „Tatort“ und Corona

Die COVID-19-Pandemie stellte natürlich auch den „Tatort“ vor gewisse Herausforderungen. Die vielleicht größte davon bestand in einer Internetkampagne, an der sich mit Ulrike Folkerts (60), Jan Josef Liefers (57), Richy Müller (66), Ulrich Tukur (64), Heike Makatsch (50), Wotan Wilke Möhring (54) und Meret Becker (52) mehrere „Tatort“-Kommissare beteiligten.

Unter dem Hashtag #allesdichtmachen übten TV-Stars mit angeblich ironisch-satirisch gemeinten Videos Kritik an der Corona-Politik der Bundesregierung und am Umgang der Medien mit der Pandemie. Für die Aktion hagelte es heftige Kritik, auch von Kollegen: Christian Ulmen (46), der 2021 aus der Reihe ausstieg, verglich die Tonalität der Videos mit der von Ken Jebsen (55).

#allesdichtmachen erhitzt die Gemüter

In der Tat wurde mittlerweile bekannt, dass Initiator Volker Bruch (41) kurz vor einer Mitgliedschaft bei der Querdenkerpartei „dieBasis“ stand. Es gab aber auch zahlreiche Stimmen, die sagten, man dürfe nicht jeden, der sich kritisch zum Umgang mit der Pandemie äußere, mit Rechten und Querdenkern gleichsetzen. Wieder andere empfanden die Aktion in Anbetracht der Lage zumindest als zynisch.

Weniger differenziert betrachtete WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin (53) das Ganze und schrieb auf Twitter: „Jan Josef Liefers und Tukur u.a. verdienen sehr viel Geld bei der ARD, sind deren Aushängeschilder. Auch in der Pandemie durften sie ihrer Arbeit z.B. für den ‚Tatort‘ unter bestem Schutz nachgehen. Durch ihre undifferenzierte Kritik an ‚den Medien‘ und demokratisch legitimierten Entscheidungen von Parlament und Regierung, leisten sie denen Vorschub, die gerade auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne den Garaus machen wollen.“

Welche Rolle spielt Jan Josef Liefers?

Besonders erhitzte sich die Diskussion um den Beitrag von Jan Josef Liefers. Dazu trug bei, dass Szenen mit Liefers und dem Rechtsmediziner Dr. Michael Tsokos (54) aus der Folge vom 2. Mai 2021 („Rhythm and Love“), in der Tsokos eine Gastrolle als Rechtsmediziner Professor Thomsen hatte, herausgeschnitten wurden. Manche schlossen jetzt auf einen Zusammenhang zu #allesdichtmachen. Laut ARD lag der Fall aber anders und der wahre Grund sei eine gemeinsame Sendung von Tsokos und Liefers bei TV Now.

Tsokos, der eher an einen Vorwand glaubte, ereiferte sich: „Der Grund ist, dass ich, da ich bei TV Now mit meiner Serie OBDUKTION Einblicke in die Rechtsmedizin im Privatfernsehen bei einem Streamingdienst gebe, und das auch noch mit Jan-Josef Liefers an meiner Seite, nicht fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen tauge. Im Ernst, das ist die Begründung.“

Der WDR blieb aber dabei: „Lieber Dr. Tsokos, lange nach dem Ende der Dreharbeiten für den Münsteraner Tatort ,Rhythm and Love‘ haben wir durch Zufall erfahren, dass Sie und Jan Josef Liefers für den RTL-Streamingdienst TV Now in einer gemeinsamen Serie auftreten, die das gleiche Umfeld der Rechtsmedizin zeigt wie der Münsteraner Tatort. Da wir keine Werbung für TV Now machen wollen und dürfen, haben wir die Szene entsprechend gekürzt.“

„Tatort“ – die größten Skandale vor und hinter den Kulissen
Jan Josef Liefers 2020 bei einem Autokonzert in Erfurt

Foto: IMAGO / Karina Hessland

Ein reifes Zeugnis für „Reifezeugnis“

Deutschland 1977: 68er-Revolution zum Trotz ist das Land eher prüde, piefig und konservativ. Kein passendes Umfeld für einen „Tatort“ über die 16-jährige Schülerin Sina Wolf, gespielt von Nastassja Kinski (heute 60, damals 15), die ein heimliches Verhältnis mit ihrem Lehrer hat. Als ein Mitschüler ihr auf die Schliche kommt und sie erpresst, um ebenfalls mit ihr zu schlafen, tötet sie ihn.

Der von Wolfgang Petersen (80) inszenierte Fall von Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf, †) ging wegen der aufreizenden Szenen, in denen Kinski auch mit nacktem Oberkörper zu sehen war, in die Geschichte ein. Die Folge „Lolitas Rückkehr“ von 2019 hatte übrigens in eine ähnliche Ausrichtung und thematisierte auch die Beziehung einer Minderjährigen zu einem erwachsenen Mann. Was jedoch 2019 die Gemüter erhitzte, war nicht der sexuelle Missbrauch, sondern eine Szene, in der ein Hund getötet wird.

Nastassja Kinski im Skandal-„Tatort“ „Reifezeugnis“

IMAGO / United Archives

Fiktive „Bestien“ und eine ganz reale

Ein besonderer Fall für die Kölner Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, 61) und Alfred „Freddy“ Schenk (Dietmar Bär, 60): Eine Mutter tötet den Mörder und Vergewaltiger ihrer Tochter. Das allein ist schon ein Stoff, der die Gemüter erhitzt. Wirklich brisant wurde das Ganze aber dadurch, dass Ballauf am Ende die vorliegenden Beweise vernichtet und der Täterin so hilft, der Gerichtsbarkeit zu entgehen. Die Folge „Bestien“ von 2001 löste so eine Diskussion über Selbstjustiz aus. Jahre später geriet die Episode wieder in den Fokus der Öffentlichkeit und diesmal wegen einer keineswegs fiktiven „Bestie“: Eine der Ermittlungsakten zeigte, wenn auch nur kurz, das Foto des NSU-Terroristen Uwe Mundlos (†).

Klaus J. Behrendt (r.) und Dietmar Bär (l.) am 17.5.2001 bei der Vorstellung des „Tatort“-Krimis „Bestien“

IMAGO / Horst Galuschka

Rassismus in „Wem Ehre gebührt“?

Es passiert selten, dass eine Episode das Publikum derart sauer macht, dass der zuständige Sender beschließt, die Folge für immer im Giftschrank verschwinden zu lassen. Das wohl extremste Beispiel dieser Art stellt die Folge „Wem Ehre gebührt“ mit Maria Furtwängler als Ermittlerin Charlotte Lindholm dar.

Bei diesem Machwerk muss man aber in der Tat sagen: Ehre, wem Ehre gebührt. Eine ausländische Minderheit in einen Plot über Inzest zu verstricken, ist schon heikel und unsensibel genug. Noch kritischer wird es, wenn es sich bei dieser Minderheit selbst in ihrem Heimatland um eine Minderheit handelt und dort allerhand wilde Gerüchte über besagte Minorität im Umlauf sind.

In der Türkei, dem Heimatland der in der „Tatort“-Folge thematisierten alevitischen Minderheit, hält sich nämlich hartnäckig das Vorurteil, Aleviten würden in inzestuösen Verhältnissen leben. Als der „Tatort“ nun eben dieses Vorurteil in Szene setzte, sorgte dies sogar für Demonstrationen von Aleviten auf offener Straße und Anzeigen wegen Volksverhetzung gegen die Verantwortlichen der „Tatort“-Episode.

 

Im Giftschrank verschwunden: „Wem Ehre gebührt“ mit Maria Furtwängler

IMAGO / Chris Emil Janßen

Einfach mal ein gepflegtes „Scheiße“

Als bester „Tatort“ und bester Kommissar gilt in der Bewertung der „Tatort“-Fans bis heute Horst Schimanski, jene Rolle, die Götz George in Deutschland zur Legende machte. Doch auch der heute ikonische Schimanski war, als er das erste Mal auf dem Bildschirm erschien, ein Skandalthema. Statt eines schnieken bourgeoisen Ermittlers kam hier ein Kommissar aus dem Arbeitermilieu des Ruhrpotts. Der Mann ernährte sich von Bier und Currywurst, trug eine ungewaschene Jacke, ließ hin und wieder die Fäuste sprechen – und er fluchte. Damals war es ein Novum, in einer deutschen Fernsehsendung „Scheiße“ zu sagen.

Proleten-Kommissar Schimanski entwich auch mal ein zünftiges „Scheiße“

IMAGO / teutopress