Netflix „House of Secrets“: Wie sich eine ganze Familie selbst umbrachte

Serena ShtreziSerena Shtrezi | 30.10.2021, 21:27 Uhr
Netflix House of Secrets: Wie sich eine ganze Familie selbst umbrachte
Netflix House of Secrets: Wie sich eine ganze Familie selbst umbrachte

Foto: Netflix

Fans von „True Crime“ und „Aktenzeichen XY ungelöst“ sind schon einiges an Horror-Geschichten gewohnt. Das Schicksal der indischen Großfamilie aus Burari lässt aber jedem noch so eingefleischten Hobby-Kriminologen die Haare zu Berge stehen.

Es gibt wohl kaum etwas Tragischeres, als den Verlust eines Familienmitglieds beklagen zu müssen – durch Krankheit, tödliche Unfälle und in seltenen aber schrecklichen Fällen auch durch Mord. Doch was wenn nicht nur ein Mitglied der Familie stirbt, sondern alle auf einmal?

Haus der Geheimnisse: Die Toten von Burari

Am frühen Morgen des 01. Juli 2018 verließ Gurcharan Singh wie immer sein Haus für einen Morgenspaziergang, den er am liebsten mit seinem Freund und Nachbarn Latit Chundawat unternahm. Doch an diesem Morgen war sein Freund Latit nicht am vereinbarten Treffpunkt. Auch sein kleiner Gemischtwarenladen war nicht geöffnet, obwohl die Kundschaft schon Schlange stand. Gurcharan ging zu Latits Haus, die Türe war nur angelehnt… er stieg die Wendeltreppe hinauf ins Wohnzimmer, als sich ein grauenvoller Anblick für immer in sein Gedächtnis brannte.

10 Familienmitglieder erhängt im Wohnzimmer

Die ganze Familie hatte sich an seidenen Saris an Metallrohren des Wohnzimmers erhängt. Die Großmutter lag tot im Nebenraum auf dem Boden. Doch das grusligste an dem schrecklichen Schauplatz: Allen Familienmitgliedern waren die Hände am Rücken verbunden, ihre Augen waren mit weißen Tüchern bedeckt und die Ohren mit Wattebäuschen ausgestopft. Für Nachbar Gurcharan stand fest: Es muss Mord gewesen sein.

Mord oder Selbstmord?

Die Polizei von Delhi (Indien) untersuchte den Fall sehr lange und ausgiebig. Die indischen Medien stürzten sich auf die Geschichte, gingen von einem rituellen Mord aus. Manch einer sprach sogar von Geistern oder übernatürlichen Kräften. Doch je tiefer die Polizei in die Geschichte der Familie eindrang, desto erschreckender und klarer wurde diese menschliche Tragödie und ihr dunkles Schicksal kam ans Licht.

Ein Familienvater, der alle ins Verderben stürzte

Die unfassbare Geschichte der „Burari Familie“ wird in der aktuellen Netflix-Miniserie „Haus der Geheimnisse: Die Toten von Burari“ erzählt. Jedes kleinste Indiz wird durchleuchtet, wobei vor allem die Kindheitsgeschichte des Familienvaters Latit aufhorchen lässt: War das tyrannische Familienoberhaupt Schuld am Tod der ganzen Familie?

Die Tagebücher, die alles erzählten

Der Polizei fiel am Tatort eines sofort auf: Nicht alle Familienmitglieder standen vor dem Erhängen auf Stühlen, es muss also jemand die Stühle nacheinander verrückt haben. Auch konnten sie sich natürlich nicht selbst die Hände und Augen verbunden haben. In einem kleinen Schrein neben Kerzen und Wandmalereien fand die Polizei dann das wichtigste Beweismittel, das Licht in die dunkle Familiengeschichte bringen sollte. Das Tagebuch des Vaters Latit.

Wahnvorstellungen und Besessenheit von Geistern

Latit Gurcharan war gar nicht der richtige Familienvater der sehr angesehenen und gebildeten Großfamilie in Delhi. Latit hatte vor elf Jahren den Platz seines verstorbenen Bruders als Familienoberhaupt eingenommen, so wie es sich in indischen Familien gehörte. Von da an unterzog der Patriarch seine kleinen Nichten und Neffen, die eigene Mutter und die zwei verbliebenen Geschwister einer schrecklichen Gehirnwäsche.

Latit war nämlich überzeugt davon, dass der Geist seines verstorbenen Vaters von ihm Besitz ergriffen hatte. 2007 starb dieser unter natürlichen Umständen, doch Latit hatte den Verlust nie verkraftet. Was folgte waren unzählige Tagebücher, in denen Latit beschrieb, wie sein toter Vater zu ihm sprach, ihm Lebensanweisungen gab, um das Richtige zu tun – mit verheerenden Folgen…

Psychische Krankheit als Ursache für den Massenselbstmord

In einem Tagebuch stand auch ganz genau, dass die ganze Familie erlöst werden musste – von ihren Sünden, ihrem Leiden auf Erden. Und eine ganz genaue Anleitung, wie sich die 11-köpfige Familie das Leben nehmen sollte, um kurz vor der Erlösung vom Geist des Großvaters gerettet zu werden: An Stricken, mit verbundenen Augen und Ohren, um die anderen Familienmitglieder nicht leiden zu sehen.

Dass sie gelitten haben, steht außer Frage: Die Jüngsten waren gerade einmal 12 Jahre alt. Die Großmutter wurde als einzige nicht erhängt, sondern erwürgt – ein starkes Indiz dafür, dass sie sich gegen den Familienselbstmord gewehrt hat. Letzten Endes war es nicht wirklich Mord, denn an die Wahnvorstellungen des Onkels haben leider auch die Neffen und Nichten geglaubt, vor allem wohl deshalb, weil sie seit ihrer Kindheit unter seiner Herrschaft leben mussten.

Nur der Hund der Familie hat – vorerst – überlebt

Während die ganze Familie im Wohnzimmer an Stricken hing, befand sich der Hund der Familie angekettet auf der Dachterrasse bei höchsten Temperaturen. Die Polizei fand ihn hysterisch bellend, mit Fieber und dehydriert. Er wurde ins Tierheim gebracht und starb nur einige Monate später an Herzversagen. Er ist der einzige Überlebende einer unfassbaren Familientragödie. Denn auch wenn Latit Chundawat mit seiner psychotischen Störung seine ganze Familie in den Tod schickte: Auch er selbst hing an diesem verhängnisvollen Tag mit ihnen an den Rohren des Wohnzimmers…

Die dreiteilige Crime-Doku „Haus der Geheimnisse: Die Toten von Burari“ ist aktuell auf Netflix zu sehen.

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