Dokumente decken auf, wie Instagram zu Magersucht verführt

Sophia VölkelSophia Völkel | 12.01.2022, 19:25 Uhr
Interne Dokumente decken auf wie Instagram zu Magersucht verführt
Interne Dokumente decken auf wie Instagram zu Magersucht verführt

Foto: Shutterstock

Immer wieder gerät Instagram in den Verdacht, Essstörungen und Depressionen bei Frauen und Männern zu fördern - jetzt gibt ein neues, internes Dokument darüber Aufschluss, wie sehr das soziale Netzwerk wirklich die Kontrolle verloren hat.

Dass Social-Media eine Falle sein kann für viele junge Mädchen ist weitestgehend bekannt. Verändert hat sich seitdem auf Instagram und Co. aber wenig. Stattdessen häufen sich Fälle von jungen Frauen, die durch die sozialen Netzwerke teils so manipuliert werden, dass sie in Essstörungen, gestörte Persönlichkeitsentwicklung und Selbsthass verfallen.

Davon lassen sich junge Leute manipulieren

Besonders Magersucht und Bulimie scheinen sich besonders von Instagram zu nähren. Das soziale Netzwerk erntet bereits sei Jahren Kritik für den Umgang mit falschen Vorbildern in Sachen Körpergefühl und Aussehen. Besonders junge Leute würde nicht ausreichend geschützt werden, bemängeln viele.

Besonders Mädchen, aber auch Jungs nehmen sich Influencer und Insta-Models zum Vorbild, fallen auf teure Diät-oder Gesundheitsprodukte herein und lassen sich in Sachen Körpergewicht und Äußerlichkeiten stark beeinflussen. Nicht zuletzt deswegen, weil viele Instagram-Stars ihren Followern nur vorspiegeln perfekt auszusehen oder sich perfekt zu ernähren. Eine weitaus größere Rolle spielen dabei nämlich Filter und platzierte, bezahlte Werbung.

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Thinstagram, Instarexie und noch Schlimmeres

Der giftige Einfluss von Instagram spiegelt sich Erfahrungen von jungen Mädchen wieder, wie zum Beispiel der heute 21-jährigen Maren, die dem „Spiegel“ vor zwei Jahren ein Interview gab, in dem sie klar machte, den scheinbar perfekten Körpern scheinbar glücklicher Mädchen damals verfallen zu sein. Sie habe deren Essverhalten genau so nachmachen wollen und rutschte dadurch in eine lebensgefährliche Abwärtsspirale.

Inzwischen hat diese Art von Esstörung, befeuert durch soziale Medien sogar einen eigenen Namen: Instarexie, statt Anorexie. Es existieren sogar Hashtahs we „Thinfluencer“ oder „Thinstagram“. Wir berichteten vor wenigen Wochen bereits über Instagram-Accounts, die gefährlicher nicht sein könnten, wie zum Beispiel der, der Russin Warenka.

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Das sagen Experten zu dem grenzwertigen Trend

Nicht zuletzt seit Whistleblowerin Frances Haugen tausende Dokumente des Instagram-Facebook-Mutterkonzern „Meta“ an Journalisten und US-Behörden weitergab, war klar: hier läuft irgendwas gewaltig schief. Die sogenannten „Facebook Files“ decken unzählige interne Studien, Chats und Präsentationen auf.  Besonders ein Vorwurf wird darin laut: Das Unternehmen wisse Bescheid darüber, dass Instagram gerade Essstörungen und Depressionen fördern würde.

„Instagram tut nicht genug, um diese Inhalte zu moderieren und vor allem zu eliminieren. Sie müssen ihre Bemühungen wirklich verdoppeln“, sagte US-Senatorin Tammy Baldwin aus Wisconsin vor wenigen Wochen laut der Website „Wbay“. Lisa Tutskey, Familientherapeutin bei der Organisation „Prevea Health“, machte deutlich, dass es durchaus positiv sei, dass Instagram Menschen auf der ganzen Welt miteinander verbindet, damit sie sich über Erfahrungen austauschen. Es könne aber auch eben schnell dazu führen, ungesunde Gewohnheiten untereinander zu teilen.

„Bei Essstörungen lasse ich Eltern nicht nur auf die Inhalte achten, die sie möglicherweise sehen, sondern auch auf Apps, die Essstörungen unterstützen“, so Tutskey. „Apps zur Gewichtsabnahme oder Gewichtsverfolgung, Apps zum Zählen von Kalorien, all diese Dinge. Um diese wirklich zu beobachten und sie eben auch zu entfernen, wenn sie sie sehen.“

Neues Dokument enthüllt Schockierendes

Jetzt haben der NDR/WDR und die Süddeutsche Zeitung ein Dokument neu aufgearbeitet. Eine Instagram-Mitarbeiterin hatte 2021 einen Selbstversuch gestartet. Sie probierte, was passiert, wenn sie ein Nutzerkonto anlegt, das sich für Gewichtsverlust interessiert. Sie folgt Profilen und Inhalten, die insbesondere auch mit den Hashtags #skinny, #schlank oder #thin arbeiteten. Schockierenderweise habe Instagram der Frau dann zahlreiche provokative und äußerst schwerwiegend problematische Konten ausgeworfen, in denen sich alles um krankhafte Essstörungen dreht. Vieler der Beiträge hätten gegen die, nach außen hin strengen Richtlinien, in Gänze verstoßen. Die Mitarbeiterin habe aber während ihrer Aufklärung festgestellt, dass die Profile weder gemeldet, noch verfolgt und schon gar nicht gelöscht wurden. Wie das des Mager-Models Eugenia Cooney.

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Inzwischen versucht Instagram sich den Vorwürfen anzunehmen. Gibt man zum Beispiel #magersucht ein, erscheint der Hinweis: „Neue Beiträge für #magersucht werden verborgen, da manche möglicherweise gegen die Gemeinschaftsrichtlinien von Instagram verstoßen.“

Die äußerst fragwürdigen Profile sind teilweise jedoch noch immer abrufbar – und das wird sich vermutlich in der nächsten Zeit auch nicht ändern…