Lily Ebert (98): Von Auschwitz zum mitreißenden TikTok-Star

Leni HübnerLeni Hübner | 17.01.2022, 17:53 Uhr
Lily Ebert: Von Auschwitz zum TikTok-Star
Lily Ebert: Von Auschwitz zum TikTok-Star

Foto: Instagram/dovforman

Sie ist eine Überlebende und eine Kämpferin, sagt ihr Ur-Enkel Dov Forman. Er ist es auch, der Lily Ebert hilft, den TikTok-Kanal mit berührenden Videos zu füllen.

Die kleine, zierliche Dame hat nicht viel gemein mit den anderen Influencern, die um Aufmerksamkeit bei TikTok buhlen, doch Lily Ebert (98) ist ein Star der Szene. Gut 1,6 Millionen Menschen folgen ihrem Kanal, den sie mit Videos bestückt, die wirklich wichtigen Content haben.

Wichtiger Content, der bewegt

Die 98-jährige Wahl-Britin erzählt von ihren Erlebnissen im Konzentrationslager Auschwitz während des Holocausts. Dorthin wurde die gebürtige Ungarin Ende 1944 gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern deportiert. Die Mutter, der kleine Bruder und ihre jüngste Schwester wurden sofort ermordet. Sie überlebte. Und fragt sich heute auf TikTok öffentlich, wie es möglich ist, dass nationalsozialistische Frauen, die als Aufseherinnen im Lager gearbeitet haben, bereit waren, Kinder und Babys zu töten, um dann nach Hause zu gehen und als Mutter ihre eigenen Kinder zu umsorgen. Ja, wie ist das möglich?

Lily erzählt, wie die Nazis Musik spielen ließen, während sie Menschen töteten. Alles war hier auf den Kopf gestellt, „nichts war normal.“ Sie berichtet von ehrgeizigen Aufseherinnen, die die Grausamkeit der männlichen Kollegen übertreffen wollten, und sie erzählt, wie sie als Häftlinge hart bestraft wurden, wenn sie anderen helfen wollten, die zu krank für die Arbeit waren.

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Lily Ebert: Toleranz als Lehre

Trotzdem oder gerade deswegen sagt sie, dass wir darauf achten sollen, tolerant gegenüber anderen zu sein. „Niemand ist besser oder schlechter als der andere“, betont Lily Ebert aus Überzeugung, „wir sitzen alle im selben Boot.“ Wenn wir nicht aufpassen, wird das Boot sinken. Eine treffende Metapher, die man sich gerade in extremen Zeiten wie unseren bewusst machen muss.

Wenn eine Generation geht, gerät meist auch ihre Geschichte in Vergessenheit: Das darf aber bei den Erinnerungen aus der Nazi-Zeit nicht passieren, damit sich der Schrecken nicht wiederholt. Dafür setzt sich Lily Ebert ein. Dabei zeigt sie sich allen Medien aufgeschlossen, vom traditionellen Buch bis TikTok. So erreicht sie die unterschiedlichsten Zielgruppen.

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Enormer Erfolg in den sozialen Medien

Dass ihr Ur-Enkel ihr vor zwei Jahren geholfen hat, Millionen Menschen zu erreichen, rührt die dreifache Mutter, die mittlerweile zehn Enkel und 34 Ur-Enkel hat. Es war immer ihr Traum, der ganzen Welt von ihren Erfahrungen zu erzählen. Sie besuchte Schulen, gab Interviews, hielt Vorträge, doch der ganz große Durchbruch gelang erst mit TikTok. Dort folgt ihr sogar Premierminister Boris Johnson, wie er ihr im Dezember bei einem Empfang verriet.

Im Juli 1944 wurde Lily von deutschen Nazis aus ihrer Heimat Ungarn nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Ihre Mutter und ihre beiden jüngeren Geschwister wurden in dem Vernichtungslager umgebracht. Sie selbst wurde mit ihren beiden älteren Geschwistern von Josef Mengele als arbeitsfähig eingestuft. Das war ihr Glück in der Hölle, sie überlebte.

Eine Banknote als Hinweis

Lily Ebert war knapp 20 Jahre alt, als amerikanische Soldaten ihren Todesmarsch, auf den die SS tausende KZ-Häftlinge geschickt hatten, stoppten konnten. Ein GI schenkte ihr eine Banknote mit der Notiz „Ein Start in ein neues Leben. Viel Glück und Freude“, sie verstand, dass sie sich zurück ins Leben kämpfen musste, damit die Nazis keine Gewalt mehr über sie hatten, und dass sie ihre Geschichte erzählen muss, damit sich etwas so Schreckliches wie der Holocaust nie wiederhole.

Ihr neues Leben begann in der Schweiz. Nach einem Jahr wanderte sie nach Isreal aus, wo sie ihren Mann kennenlernte und eine Familie gründete. Seit 1967 lebt sie in London. Die Banknote hat sie bis heute und sie war auch der Anlass für ihren Ur-Enkel Dov Forman, die sozialen Medien für eine ganz besondere Suche zu nutzen: Sie wollten gemeinsam mit der Crowd herausfinden, wer der GI war. Es funktionierte, der Sohn von Private Hayman Shulman meldete sich bei Lily Ebert, die ihr Glück nicht fassen konnte, endlich zu wissen, wer ihr die Hoffnung damals zurückgegeben hatte.

Die Hoffnung stirbt nie

Lily Ebert, die letztes Jahr sogar eine Corona-Infektion überlebt hat, lässt sich heutzutage durch nichts mehr aufhalten. Auch nicht von den Hatern, die leider auf den sozialen Medien dazugehören, wenn man sich für eine wichtige Sache einsetzt. Lily bleibt positiv und meint, man solle nie die Hoffnung aufgeben, weil man nicht weiß, was die Zukunft bringt.

Obowhl Lily Ebert von den sozialen Medien überzeugt ist und sie auch nutzen wird, so lange sie kann, hat sie trotzdem ganz klassisch auch ein Buch veröffentlicht, dass ihre Geschichte für die Nachwelt festhält: „Lilys Versprechen“ ist gerade auch in Deutschland erschienen. Darin erzählt Lily von ihrer unbeschwerten Kindheit in Ungarn, von ihrem Transprot nach Auschwitz, wie sie als Zwangsarbeiterin in einer Munitionsfabrik arbeiten musste und wie sie schließlich den Todesmarsch nur knapp überlebte.

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Für die gute Sache

Als sie ihren Millionsten Follower begrüßte, überlegte Lily, „wie viel Gutes man bewirken könnte, „wenn jeder der Millionen Follower eine gute Tat übernehmen würden.“ Die Welt zu verändern, kann so einfach sein. Der TikTok-Kanal von Lily Ebert ist auf jeden Fall eine sehr gute Sache, der jeder folgen sollte.