07.07.2020 20:13 Uhr

Ringo Starr: Der Clown der Beatles wird 80

Er kam aus ärmlichen Verhältnissen, sprang als Kind dem Tode nur knapp von der Schippe und schaffte es vom Aushilfsdrummer zum Weltstar: Sir Ringo Starr! Am 7. Juli wird der Clown der Beatles 80 Jahre alt.

imago images / UPI Photo

Es ist einer der bekanntesten Beatles-Witze: Auf die Frage, ob Ringo Starr der beste Schlagzeuger der Welt sei, antwortet John Lennon: „Er ist nicht einmal der beste Schlagzeuger der Beatles!“ Dabei war es in Wirklichkeit nie Lennon, der die Aussage getätigt hatte, wie Beatles-Chronist Mark Lewisohn aufdeckte, sondern ein britischer Comedian.

Im Schatten der drei Kollegen

Dennoch passte es über viele Jahre zum öffentlichen Bild von Ringo Starr. Zu „Beatlemania“-Zeiten stand der Schlagzeuger kreativ im Schatten seiner Kollegen. Während Lennon den Intellektuellen bei den Fab Four verkörperte, Paul McCartney den Sonnyboy und George Harrison den Introvertierten, hatte Beatles-Manager Brian Epstein für ihn die Rolle des Witzbolds vorgesehen. Niemand hätte es damals wohl für möglich gehalten, dass Starr mit 20 veröffentlichten Solo-Alben und regelmäßigen Tourneen mit seiner All-Starr-Band bis ins hohe Alter umtriebig sein würde und dabei so fit und gesund daherkommt, als hätte er kübelweise vom Jungbrunnen getrunken. Am 7. Juli wird der als Richard Starkey im Arbeiterviertel von Liverpool geborene Musiker und Schauspieler nun 80 Jahre alt.

Was er sich zu seinem Geburtstag wünscht? Dasselbe wie jedes Jahr: Dass Menschen die sozialen Netzwerke mit „Peace & Love“ fluten, untermauert mit dem entsprechenden Handzeichen, das Starr selbst verinnerlicht hat. In diesem Jahr sei es ihm besonders wichtig, machte Ringo jüngst in einer Videobotschaft auf seiner Instagram-Seite deutlich. Und das nicht nur, weil er das Wohltätigkeitsprojekt von David Lynch zugunsten der Helfer in der Corona-Krise unterstützt. „Wie ihr alle wisst, ist die Tour gecancelt wegen des Virus’, das umherschwirrt. Erst nächstes Jahr werde ich wieder Konzerte spielen“, so der Künstler, der 2018 zum Ritter geschlagen wurde und seither den Sir-Titel trägt. „Ich vermisse euch, und ich liebe euch. Wo auch immer ihr seid, bitte vergesst nicht den 7. Juli. Peace & Love!“

Bakterienphobie

Dass Starr es auf 80 Lenze bringt, grenzt an ein Wunder, denn die Gesundheit wurde ihm nicht gerade in die Wiege gelegt. Als Steppke hatte er Tuberkulose und verbrachte zwei Jahre im Sanatorium. Im Alter von sechs lag er nach Komplikationen bei einer Blinddarmentzündung knapp drei Wochen im Koma, später entwickelte er eine chronische Rippenfellerkrankung, so dass seine alleinerziehende Mutter mit dem Schlimmsten rechnen musste. Wer könnte es Starr da verübeln, dass er schon lange vor der Covid-19-Pandemie bei persönlichen Treffen jegliches Händeschütteln unterband? Er leider nicht nur an Allergien, er hat auch eine Bakterienphobie!

Seine Versäumnisse in der Schule machten ihn zum Spätzünder in Sachen Lesen und Schreiben, aber immerhin bekam er früh eine Trommel in die Stube gestellt. „Spätestens als ich 13 war, war es mein Traum, Schlagzeuger zu werden. Ich wollte kein Gitarrist oder irgendetwas anderes sein. Ich wollte Schlagzeuger sein“, erinnerte sich der Mann mit den treuen Hundeaugen 2017 im Interview. Der Rest ist Geschichte: Aus dem kranken Richard Starkey wurde der Weltklasse-Trommler Ringo Starr, der bis heute Schlagzeug-Anwärter rund um den Erdball beeinflusst.

Als Ersatzmann fing es an

Dass es ohne ihn weder die Beatles noch ihren Sound gegeben hätte, verdeutlichte 2015 Paul McCartney mit der Laudatio auf seinen Freund, der als letzter der Fab Four für sein Solowerk in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde. An einem Abend in Hamburg, wo sowohl die Beatles als auch Ringo als Teil der Band Rory Storm & The Hurricanes Engagements hatten, sprang er für ihren erkrankten Drummer Pete Best ein. „Das war der Moment, als die Beatles wirklich begannen“, so McCartney. Oder in den Worten Ringos beim Interview mit dieser Zeitung im Jahr 2017: „In Hamburg wechselte ich von der einen Nummer-Eins-Band zur nächsten.“ Im Gegensatz zu den Beatles-Amateuren war der ehemalige Fabrik-Arbeiter Starkey damals schon gut an seinem Instrument.

Dennoch wurde sein musikalischer Beitrag oft belächelt. In den Filmen der Beatles gab er den Clown. Für ihre Platten hatte Ringo u.a. „Yellow Submarine“ und „With A Little Help From My Friends“ mit seiner Baritonstimme gesungen und schrieb „Don’t Pass Me By“ und das wunderschöne „Octopus’s Garden“. Der Kapitän der Yacht seines Comedian-Freundes Peter Sellers (†1980) hatte ihm seinerzeit vom Leben der Kraken erzählt und davon, dass diese sich unter Wasser vor ihren Höhlen eine Art Garten aus zusammengesammelten Habseligkeiten errichten. Das inspirierte den naturverbundenen Ringo zu seinem größten Hit. Weil besagter Song es bis in die „Sesamstraße“ schaffte und er das Thema auch noch für ein Kinderbuch umsetzte, wurde er auch für Heranwachsende zum Star(r). Inzwischen sind sich Experten einig, dass er für die Gruppe aus Liverpool der beste Drummer war, den sie kriegen konnten. Mit seinem wilden, pulsierenden, virtuosen und gleichzeitig präzisen Stil wurde der Beatpionier zum Taktgeber der Beatles. In den USA soll er in den Hochzeiten die meiste Fanpost von allen bekommen haben – und es hörte nie auf, so dass Starr 2008 in einem Videoaufruf eindringlich darum bat, ihm keine Dinge mehr zum Signieren zu schicken.

Lob von Yoko Ono

Lennons Witwe Yoko Ono bezeichnete Ringo gar als „den einflussreichsten Beatle“. Mit seiner Friedfertigkeit, seinem Herz und seinem Humor wurde er zur Seele der fantastischen Vier. Er erdete die erfolgreichen Überflieger. Aus Streitigkeiten hielt er sich raus. Kein Wunder, dass Peace & Love zu seinem Lebensmotto wurde. Die Auflösung der Beatles konnte aber auch er nicht verhindern. Nach dem Bruch flüchtete er sich lange Zeit in den Alkohol. Die Ehe zu seiner ersten Frau zerbrach, von seinen drei Kindern folgte ihm Zak Starkey in den Beruf; er trommelte zeitweise für Oasis und The Who. 1980 traf der Schauspieler Ringo am Filmset von „Caveman – Der aus der Höhle kam“ die Liebe seines Lebens: Das Bond-Girl Barbara Bach („Der Spion, der mich liebte“) wurde seine zweite Frau, und beide ließen keine Party zwischen Los Angeles, London und Monte Carlo aus. 1988 begab sich Ringo auf Entziehungskur und ist seither auf dem Gesundheitstrip. Das Essen von Karotten würde ihn jung und gesund und Meditation seinen Geist fit halten, gibt der drahtige und sportliche Vegetarier zu Protokoll.

39 Jahre verheiratet

Das Geheimnis seiner 39 Jahre währenden Ehe ergründet er indes wie folgt: „Meine Frau weist mir den Weg und regelt mich runter, wenn ich mich aufrege. Das tut sie auf ganz liebenswürdige Art und Weise. Dazu gehört nämlich auch, dass sie mich manchmal anbrüllt“, witzelt Starr und gesteht: „Auch in unserer Ehe gibt es gute und schlechte Tage. Auch bei uns geht es manchmal nicht ohne Tränen, wir hatten unsere Probleme in der Vergangenheit. Aber letztendlich funktioniert es zwischen uns. Eine ausgedrückte Zahnpasta-Tube konnte das bisher nicht sabotieren.“ Den Schalk hat er immer noch im Nacken.

Mit sich und seiner Vergangenheit ist Starr im Reinen. Und seine Freundschaft zu Paul McCartney ist inniger denn je. Ihre vorerst letzte musikalische Reunion fand 2019 im Dodger Stadium von Los Angeles statt. Es gab wohl niemandem im Publikum, dem keine Gänsehautschauer über den Rücken liefen, als sich die beiden in die Arme fielen, um sich im Anschluss mit Stücken wie „Sgt. Pepper Lonely Hearts Club Band“ und „Helter Skelter“ auf den Nostalgietrip zu begeben – und das ganz schön wild! „Es war magisch“, reflektierte McCartney im April 2020 im Interview mit Howard Stern. „Ich dreh mich um, seh ihn da sitzen und denke nur: Das ist Ringo, Mann! Das ist mein Bruder. Ich liebe diesen Typen!“ Und damit ist er nicht allein. (Katja Schwemmers)