Amir und Agnes leben zusammen: Er ist 28, sie ist 102!

Tari TamaraTari Tamara | 18.05.2022, 19:00 Uhr
Agnes und Amir
Agnes und Amir führen eine ungewöhnliche WG

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Agnes und Amir könnten auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein. Jedoch verbindet die beiden eine ganz besondere Freundschaft, die für beide einen großen Stellenwert im Leben hat. Was steckt dahinter? 

Amir Farahani ist ein ganz normaler junger Mann. Der 28-Jährige gebürtige Iraner geht gern zum Fitness, spielt Fußball und verbringt seine Samstagabende in Bars – in Begleitung seiner 102-jährigen Mitbewohnerin Agnes Jeschke!

Amir bewarb sich auf eine Annonce

Ja, richtig gelesen, Agnes und Amir wohnen in Berlin in einer gemeinsamen Wohnung und fanden über eine Annonce zueinander. Die rüstige Rentnerin sollte in ein Altersheim kommen, wehrte sich aber Partout dagegen und suchte einen Betreuer, der ihr unter die Arme greift und im Gegenzug mietfrei bei ihr, in ihrer Dreizimmerwohnung in Berlin, Mariendorf, leben darf.

Daraufhin meldeten sich einige weibliche Bewerberinnen und ein Mann: Amir! Der Iraner floh aus seiner Heimat und macht nun in Deutschland eine Ausbildung zum Alten- und Krankenpfleger. Für ihn ist das Zusammenleben eine Bereicherung, denn Gelerntes aus seiner Ausbildung, kann er bei Agnes direkt anwenden und sie bekommt die nötige Hilfe die sie braucht.

Amir hält Agnes fit und aktiv

Das war vor einem Jahr und in den letzten Monaten haben sich Agnes und Amir ziemlich gut angefreundet. Agnes, die für ihre 102 Jahre noch recht fit ist, braucht im Alltag trotzdem viel Hilfe und da kommt Amir ins Spiel.

Die beiden machen gemeinsam Ausflüge, z.B. in den Zoo, sie gehen Schwimmen, Tanzen zusammen oder gehen auch mal in einer Bar. So verbrachten die beiden sogar das letzte Silvesterfest gemeinsam in einer Shisha-Bar in Berlin Schöneberg. Auch wenn Agnes mit Abstand der älteste Gast war, fühlte sie sich inmitten der jungen Feiernden wohl!

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Agnes liebt das Leben wieder

Für Amir ist Agnes nicht nur eine Freundin oder Mitbewohnerin, sondern auch ein Familienersatz. Seine leibliche Familie ließ er im Iran zurück und deswegen nennt er Agnes liebevoll „Oma“. In einem Instagram-Post schreibt er: „Liebe Oma, Agnes Jeschke, seit ein paar Wochen haben wir uns kennengelernt, aber du bedeutest mir in dieser kurzen Zeit sehr! Mit ihr fühle ich mich verbunden, egal wo ich bin, ständig denke an dich, ob es dir gut geht, ob du keine Sorge machst. Es ist völlig egal, ob du mich nicht erkennst, ich weiß, warum ich bei dir gelandet bin. Ich verspreche dir, dass ich nie dich alleine verlasse, dass ich mich um deine Gesundheit kümmere, dass ich meine Fürsorge, Aufmerksamkeit, Zeit für dich spende! Liebe dich.“

Bevor Amir in das Leben von Agnes kam, war sie nicht so aktiv. Ihr Leben wurde seit dem Tod von ihrem Mann Anfang der 90er von Jahr zu Jahr einsamer. Heute ist Agnes wieder Teil der Gesellschaft und erfreut sich am Leben.

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Amir lebt das Leben, was er immer leben wollte

Aber nicht nur Agnes schöpft aus der Verbindung zu Amir, auch der Pfleger-Azubi lernt von seiner WG-Mitbewohnerin. Sie bringt ihm deutsch bei, vor allem typisch deutsche Redewendungen lernt er von ihr und spricht heute nahezu perfekt Deutsch!

Für Amir ist sein Leben in Deutschland ein Befreiungsschlag. Der gebürtige Iraner ist homosexuell, in seiner vom Islam geprägten Heimat nach wie vor ein Tabuthema. In Berlin kann er seine Sexualität endlich offen ausleben und besuchte bereits den Christopher Street Day – ein großer Traum des 28-Jährigen.

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Amir sollte abgeschoben werden

Dass er in Deutschland bleiben darf war jedoch lange ungewiss, denn im letzten Jahr sollte er abgeschoben werden. Sein Antrag auf Asyl wurde abgelehnt. Als Homosexueller war er aus dem Iran geflüchtet, weil er dort um sein Leben fürchten musste.

Ein Glück stellte sich die Abschiebung als Fehler heraus und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) entschied zu Gunsten Amirs. „Es sind Fehler passiert, die nicht hätten passieren dürfen. Der Bescheid hätte so nicht rausgehen dürfen. Wir haben Mist gebaut und dazu müssen wir stehen. Mitarbeiter müssen verinnerlichen, bei queeren Geflüchteten mit mehr Fingerspitzengefühl zu arbeiten“, so ein Mitarbeiter des Amts gegenüber der BZ. Ende gut, alles gut!