Ex-„Bild“-Boss Julian Reichelt sieht sich nach Rauswurf als das große Opfer

Sebastian GrünbergerSebastian Grünberger | 09.12.2021, 14:00 Uhr

IMAGO / Jörg Schüler

Julian Reichelt gab nach seinem Rauswurf als Chefredakteur der „Bild“-Zeitung sein erstes Interview – und sieht die Schuld bei den anderen.

Es war eine Geschichte, wie sie die „Bild“-Zeitung eigentlich selbst allzu gerne schreibt. Die vermeintliche Handlung: Sex, Lügen, Machtspiele, Intrigen. Nur, dass es in diesem Fall um den eigenen, mittlerweile gefeuerten, Chefredakteur Julian Reichelt (41) ging.

Reichelt wurde am 18. Oktober 2021 vom Chef des Springer Verlags, Mathias Döpfner (58), entlassen. Der Journalist, der laut den Berichten immer wieder Beziehungen mit Mitarbeiterinnen eingegangen war und den Frauen dadurch berufliche Vorteile versprach, äußerte sich nun in einem Interview mit „Die Zeit“ zu den Vorwürfen.

„Weil ich nichts zu verbergen habe“

Auf die Einstandsfrage, warum er das Interview überhaupt eingewilligt habe, erklärte er: „Weil ich nichts zu verbergen habe. Es hat in meinem Leben nie etwas gegeben, was mit den genannten Fällen auch nur im Ansatz zu tun hatte. Schon das Wort ‚MeToo‘ ist in diesem Zusammenhang eine Verleumdung.“ Auch wenn in den Medien von Opfern die Rede gewesen sei, so habe sich keine einzige mit Reichelt assoziierte Frau als Opfer tituliert, so der ehemalige Chefredakteur.


Reichelt sieht sich als Opfer eines „Vernichtungsfeldzugs“

Dass er sich im Vorfeld nie zu den Vorwürfen geäußert hatte — dazu hätte er nämlich noch vor der Veröffentlichung der Recherche-Ergebnisse die Möglichkeit gehabt – erklärt er mit der Voreingenommenheit der Kollegen. Hier sieht sich Reichelt offensichtlich selbst als Opfer. „Hätte das Antworten Sinn gemacht? Es ging denen ja nicht um gute journalistische Arbeit, sondern um einen Vernichtungsfeldzug gegen einen Journalisten. Große Teile der Berliner Blase aus Politikern und Redakteuren haben sich von diesem Land unendlich weit entfernt, und ich war unter diesen Leuten schon immer verhasst.“

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Reichelt nennt auch Namen: „Der Spiegel ist eine der treibenden Kräfte. Wenn es mich nicht so hart erwischt hätte, würde ich nur noch mit Amüsement darauf blicken. Der Spiegel ist für mich das perfekte Beispiel dafür, wie sich Ideologie in Redaktionen ausgebreitet hat.“ In einem Nachsatz versucht Reichelt dann, sein eigenes Verhalten zu normalisieren:  „Die tun jetzt so, als wäre ich der erste Chef auf dieser Welt, der so was gemacht hat.“

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Brutaler Umgang mit Kollegen

Reichelt selbst wurde immer wieder ein brutaler Umgang mit Kollegen vorgeworfen. Das bestreitet er vehement — der Vorwurf einer Kultur der Angst, die von ihm ausgegangen wäre, sei „bigott“.

Viel mehr habe die schlechte Stimmung an Entlassungen gelegen, die ihm von „oben“ auferlegt wurden: „Es ist doch klar, dass Leute Angst bekommen, wenn um sie herum lauter Kollegen entlassen oder abgebaut werden, wie man das nennt. Aber der Vorstand wollte, dass wir im Rahmen der Restrukturierung Personal abbauen. Das Unternehmen sollte hübsch gemacht werden für den amerikanischen Finanzinvestor KKR, der ja inzwischen auch eingestiegen ist. Da lässt man mich also erst rund 120 Kolleginnen und Kollegen entlassen – und das war für mich brutalst schmerzhaft – und wirft mir nachher vor, die Stimmung sei schlecht. Das hätte ich nicht für möglich gehalten.“

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Überrascht vom eigenen Rauswurf

Er selbst habe seinen eigenen Rauswurf nicht kommen sehen. „Nein, ich war im Urlaub, stand am Autozug nach Sylt, als der Anruf von Mathias auf dem Handy kam. Nach zwanzig Jahren loyaler Arbeit, zehn davon in Kriegsgebieten, wurde ich in zwanzig Minuten am Telefon entsorgt“, erklärt er – und weiter: „Besonders hart hat mich getroffen, dass all den Menschen, mit denen ich so unendlich gern gearbeitet habe, eine Geschichte über dieses Telefonat erzählt wurde, die mit dem wahren Verlauf nichts zu tun hat.“

Reichelt: Alles sein Verdienst!

An Selbstbewusstsein mangelt es dem gefeuerten Ex-Chef der viel kritisierten Zeitung jedenfalls nicht. Das unterstreicht vor allem folgendes Zitat:

Viele fragen mich jetzt, ob ich leben könne ohne Bild. Die Zeitung sei doch mein Leben gewesen. Das ist falsch.“ Er fügt hinzu: 

„Julian Reichelt ist Bild, sondern: Bild war Julian Reichelt.“

Und weiter sagt der von sich schwer überzeugte Journalist: „Was diese Marke dargestellt hat, basierte auf meiner Arbeit, meinen Gedanken. Natürlich auch auf den Ideen und der Leidenschaft eines grandiosen Teams. Aber am Ende musste ich entscheiden.“

Satiriker Jan Böhmermann kommentiert die Einlassung auf Twitter mit: „Julian macht den Wendler“.

IMAGO / Uwe Steinert

Der Cancel Culture zum Opfer gefallen?

Sein Rauswurf sei kein MeToo-Skandal, betont er im Interview nochmal — und sieht die Schuld nicht im eigenen Verhalten, sondern in der Cancel Culture und im linken Zeitgeist. Was ich erlebt habe, kann inzwischen jedem Menschen geschehen. Man kann zerstört werden, indem Dinge behauptet und Regeln angelegt werden, die nie existiert haben. Es geht um ein gesellschaftliches Phänomen, und ich glaube, vielen Menschen wird zunehmend bewusst, dass es einen furchterregenden, totalitär anmutenden Wandel links der Mitte gibt. Gemeinsam mit den sozialen Medien sind manche klassischen Medien inzwischen in der Lage, eine Lüge als Wahrheit erscheinen zu lassen und Wahrheit als Lüge oder, in meinem Fall, ein System zu beschreiben, das so nie existiert hat.

Aufhören kommt für Reichelt übrigens nicht infrage — möglicherweise ja mit einem eigenen Medienhaus? „Das wird sich zeigen. Wenn es keinen passenden gibt, hat man in einem freien Land ja die Möglichkeit, sich diesen Job selber zu schaffen“.