So fliegt Joachim Löw das EM-Aus um die Ohren

So fliegt Joachim Löw das EM-Aus um die Ohren
So fliegt Joachim Löw das EM-Aus um die Ohren

© IMAGO / Sven Simon

30.06.2021 12:00 Uhr

Eine Ära geht unrühmlich zu Ende. Die Schande von Wembley steht Nationaltrainer Joachim "Jogi" Löw schon unmittelbar nach dem 2:0-Aus gegen England ins Gesicht geschrieben.

Man sieht, das Aus, das in Deutschland über 27 Millionen an den Bildschirmen verfolgten, schmerzt ihn sehr sehr sehr. Die hiesigen und auch internationalen Medien gehen nicht zimperlich mit dem Gescheiterten um.

15 Jahre nach dem sogenannten „Sommermärchen“ und nach dem WM-Triumph in Brasilien 2014 bleibt eine bittere Bilanz: Unvergessen die lang anhaltende DFB-Sturheit und Überheblichkeit und dann das beschämende Vorrunden-Aus bei der WM 2018. Jetzt zwei Siege in sieben EM-Turnier-Spielen, das EM-Achtelfinal-Aus. Hier eine kleine Auswahl an Medien-Reaktionen.

So fliegt Joachim Löw das EM-Aus um die Ohren

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„England beendet den Alptraum“

„Traum-Ergebnis: England beendet seinen Albtraum gegen Deutschland. Es ist 55 Jahre her, dass England Deutschland in einem K.O.-Spiel bei einem Turnier geschlagen hat – es war 1966. Sie haben vielleicht davon gehört – und so zählt das 2:0 bei der EURO 2020 nicht nur als Sieg gegen einen alten Feind, sondern auch über eine hartnäckige Neurose.“ („The Times“, Quelle „Kicker“)

„Was für ein langweiliges, ideenarmes und vor allem leidenschaftsloses Match. Es wirkte bisweilen, als sei der Standfußball der Siebzigerjahre zurück – nur ohne den Einfallsreichtum von Genies wie Günther Netzer. Es ist nicht so, dass mich die Engländer begeistert hätten, im Gegenteil, sonst wäre die von manchen zum ‚vorgezogenen Endspiel‘ hochgejazzte Partie nicht eine der ödesten dieser Europameisterschaft geworden. Sie waren bestenfalls einen Tick weniger leidenschafts-, einfalls- und willenlos. Ein paar Schweizer hätten dem Spiel gutgetan.“ (Der Spiegel)

Das beschämende ARD-Danach-Interview mit selten dämlichen Fragen an Joachim Löw gibt’s hier:

„Ein Häufchen Elend“

„Das EM-Aus im Achtelfinale schmerzte Löw sehr, das war deutlich zu spüren, als er sich 20 Minuten nach dem Abpfiff den Fragen von ARD-Moderatorin Jessy Wellmer stellte. Wie ein Häufchen Elend trottete Löw ans Mikrofon, begleitet von zwei DFB-Pressemitarbeitern.“ (Focus.de)

„Sowohl Löw selbst, als auch die DFB-Führung um Manager Oliver Bierhoff sollten zugeben, dass es besser gewesen wäre, nach dem 0:6 gegen Spanien im November, spätestens aber nach dem 1:2 gegen Nord-Mazedonien im März einen vorzeitigen Schlussstrich zu ziehen. Kuntz, Rangnick oder zwischenzeitlich der spätere Champions-League-Sieger Tuchel hätten bereitgestanden.“ (Bild-Zeitung)

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© IMAGO / ActionPictures

„Sein Abgang war seltsam“

„Man war auf diesen Moment vorbereitet. Und irgendwie auch nicht. Man wusste ja, dass es jederzeit vorbei sein könnte mit der Ära von Joachim Löw als Bundestrainer. Aber als es dann tatsächlich so weit war, als Deutschland an diesem Dienstagabend um 19.54 Uhr gegen England aus dieser Fußball-Europameisterschaft ausgeschieden war, als sich Joachim Löw eilig in den Tunnel des Wembley-Stadions verabschiedet hatte, da war man mit dem Moment aber doch überfordert. Löw, dessen Beziehung zu den anderen 82 Millionen Bundestrainern im Land oft von Anerkennung, noch öfter von Verzweiflung und eigentlich nie von Liebe geprägt war, war plötzlich weg. Sein Abgang fast so seltsam, nüchtern und hastig wie das deutsche Spiel gegen die „Three Lions“. („N-TV“)

„England entzückt und schickt Deutschland zu Boden. England ist bei seiner Heim-EM für das Viertelfinale qualifiziert und hofft, für das Halbfinale und das Endspiel wieder nach Wembley zurückkehren zu dürfen. Nach 15 Jahren bleibt Jogi Löw als der Mann im Gedächtnis, der 2014 zwar in Brasilien die Weltmeisterschaft gewann, dessen Stern aber seit 2018 zu sinken begann. Die drei Teams aus der Todesgruppe sind zerfleddert worden.“ („Ouest France“, Quelle „Kicker“)

„Als ständige Ausrede diente der Umbruch“

„ (…) Vieles von dem, was Löw in den (letzten) fünf Jahren (!) in seinem Job tat, war nicht minder destruktiv. Die zwischenzeitliche Demission von Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng sei als Beispiel genannt. Selbst 2018, nach einer katastrophalen WM, wollte er einfach nicht aufhören. Gedeckt durch einen in sich zerstrittenen Deutschen Fußball-Bund (DFB) machte er weiter. Stur stellte er sich neuen Impulsen, Innovationen und möglichen Alternativen in den Weg. Ein Fortschritt war nicht mehr zu erkennen. Als ständige Ausrede diente der Umbruch, den es letztlich nicht gab. Stattdessen ignorierte Löw Spieler, die viele in der Nationalelf sehen wollten.“ („Merkur.de“)

124 von 198 Spielen gewonnen

„Fakt ist – unabhängig vom frühen Aus bei der EURO 2020- allerdings, dass Joachim Löw einer der erfolgreichsten Bundestrainer der DFB-Historie ist. Von 198 Spielen, hat er 124 gewonnen. 40 endeten unentschieden, nur 34 Mal verlor das DFB-Team unter Löw. Er hat die meisten Spiele aller Bundestrainer betreut, die meisten Siege eingefahren und dabei die meisten Tore bejubelt. Mit 15 Jahren ist Joachim Löw auch der Bundestrainer mit der längsten Amtszeit. Ein bisschen zu lange, werden einige sagen.“ („Deutsche Welle“)