„TV Total“-Comeback: Ist Sebastian Pufpaff so gut wie Stefan Raab?

Redaktion KuTRedaktion KuT | 01.12.2021, 08:11 Uhr

ProSieben/ Willi Weber

„TV Total“ ist zurück aus der längsten Sommerpause der Geschichte. Nach sechs Jahren flimmert das Erfolgsformat von Stefan Raab wieder über den Bildschirm, wenn auch ohne Raab (zumindest vor der Kamera), dafür aber mit Sebastian Pufpaff. Lohnt sich das? Rechtfertigt das „TV Total“-Comeback die lange Wartezeit?

2015 ist Stefan Raab (55) in Fernseh-Rente gegangen und mit ihm verschwand auch seine Show „TV Total“ vom Bildschirm. Diese belebt er nach sechs Jahren nun mit Kabarettist Sebastian Pufpaff (45) als neuem Moderator wieder. Raab selbst ist nur noch hinter der Kamera als Produzent tätig und war in der Tat seit 2015 nirgendwo mehr zu sehen. Doch kann Sebastian Pufpaff die TV-Legende Stefan Raab ersetzen? Wir haben die ersten Folgen des Revivals geschaut und ziehen Bilanz.

Sebastian Pufpaff oder „der Neue“

Sebastian Pufpaff tritt nach sechs Jahren Pause die Nachfolge Stefan Raabs als Moderator von „TV Total“ an. Der Kabarettist und Stand-up-Comedian lebt mit seiner Frau, der Ärztin Julia Skrzypczak, die nach der Hochzeit den Namen ihres Mannes – und ja, der ist wirklich Pufpaff – annahm, und seinen zwei Kindern in Bad Honnef.

Bislang war Sebastian Pufpaff vor allem für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten tätig. So trat er immer wieder in der „heute-show“ im ZDF auf und hat mit „Pufpaffs Happy Hour“ eine eigene Kabarettsendung auf 3sat. Jetzt übernimmt er bei ProSieben für Stefan Raab die Moderation von „TV Total“.

Das „TV Total“-Comeback überzeugt auf ganzer Linie

Die ersten Folgen des wiederbelebten „TV Total“ sind draußen, und was soll man sagen: Die Sendung ist besser, als sie es in den letzten Jahren mit Raab war. Denn das „TV Total“ der Schlussphase war nur noch ein müder Abklatsch der lustigen Anfangstage.

Sebastian Pufpaff überzeugte beim „TV total“-Comeback

ProSieben/ Willi Weber

Ein Blick zurück: „TV Total“ zu Zeiten von Raab

Ja, nostalgisch erinnern wir uns an alte Zeiten zurück, als „TV Total“ anarchisch, inkorrekt und gewagt war. Doch ist das ein allzu verklärter Blick auf das Format. In den letzten Jahren von Raabs Zeit als Moderator war der Ursprungsgedanke der Show weit in den Hintergrund gerückt. Statt unfreiwillig komische Ausschnitte aus dem TV-Programm aufzugreifen, zu kommentieren und weiterzuverarbeiten, war „TV Total“ zum Ende hin primär zu einer einzigen Werbeveranstaltung verkommen.

Mehr oder weniger prominente Gäste, deren Namen ein immer fahriger werdender Stefan Raab aus Desinteresse an der eigenen Sendung jedes Mal vom Zettel ablesen musste, nahmen auf dem Sessel neben Raab Platz und machten Promo – für ihren neuen Film, ihre neue CD oder ihr neues Showformat. Schnarch…

Oder ProSieben und Raab-TV nutzen die Sendung selbst als Werbefläche für andere Sendungen. Das spiegelte sich auch in der Quote wieder: Sahen in den Anfangsjahren im Schnitt noch zwei oder gar drei Millionen Zuschauer die Show, waren es in den letzten vier Jahren nur noch um die 700.000.

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„TV Total“-Vorhang auf für Sebastian Pufpaff

Die Neuauflage von „TV Total“ knüpfte wieder an Quoten-Höhenflüge früherer Tage an. Weit über zwei Millionen Menschen sahen die Show, wobei die Quote sich von Folge eins zu zwei noch einmal steigerte.

Überraschend ist das nicht, wenn man zu eben diesen zwei Millionen gehört hat. Fast alle beliebten Showformate und ihre Moderatoren brauchen Monate, bis sich alles eingespielt hat, bis Routine drin ist. Auch wenn sicher noch Luft nach oben ist, muss man sagen, dass Pufpaff souverän moderiert und im Gegensatz zu seinem Vorgänger in dessen letzten paar Jahren voll da ist.

Dabei macht Pufpaff sein eigenes Ding und begeht nicht den Fehler, Stefan Raab 2.0 sein zu wollen. So hat er sich seinen bewehrten Zynismus bewahrt, versucht aber auch nicht, „TV Total“ eine intellektuelle Note aufzudrücken, was bei einem Kabarettisten ja durchaus zu befürchten gewesen wäre. Das Kabarett hat seinen Platz im Fernsehen, aber der ist nicht am Nippelboard. Nein, diese Show ist laut, sie ist albern, hin und wieder regelrecht brachial.

Konnte die großen Fußstapfen ausfüllen: „TV total“-Moderator Sebastian Pufpaff

ProSieben/ Willi Weber

Was bringt das neue „TV Total“ auf die (Fernseh-)Bühne?

Im Prinzip heißt die Devise: Alles auf Anfang. Natürlich haben sich einige Dinge in 22 Jahren geändert. Mit vielem, was schon 1999 hart an der Grenze des guten Geschmacks war, käme man heute nicht mehr durch.

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Puffi auf der Pirsch

„TV Total“ 2021 ist braver als 1999, aber wohl weniger wegen der Macher als wegen des Zeitgeists. So mahnten Fans in den sozialen Medien, dass Pufpaff bei seinem Versuch, in einem Hotel zum thailändischen König Maha Vajiralongkorn (69) und dessen Pudel-Admirälen vorzudringen, die Aufdringlichkeit und Verbissenheit Raabs missen lasse.

Dabei muss man aber einfach sagen, dass vor 20 Jahren bei so einer Aktion die Wahrscheinlichkeit, dass Klage eingereicht würde oder die Polizei gerufen würde, weit geringer war als heute. Wie schnell die Freunde und Helfer bemüht werden, zeigte sich eine Woche zuvor: In der ersten Ausgabe hatten Pufpaff und sein Team versucht, sich bei „Wetten, dass..?“ reinzumogeln. Das klappte erst ganz gut, dann riefen die Verantwortlichen beim ZDF die Polizei.

Die Zeiten, wo man wie Hape Kerkeling (56) als Königin Beatrix (83) so eine Aktion bis zum bitteren Ende durchziehen konnte und dann freundlich hinausgebeten wurde, sind vorbei.

Vor 20 Jahren konnte sich Stefan Raab bei „TV total“ noch viel mehr erlauben

IMAGO / teutopress

Und was bietet uns die „TV Total“ im Studio?

„TV Total“ hat vieles beibehalten: die Ansage durch einen Gast aus dem Publikum, das fahrbare Moderatorenpult samt des ikonischen Nippelboards und auch die Band (die „Heavytones“) ist dieselbe. Auch frühere Publikumslieblinge wie Elton (50) und Korinna (36) sollen schon in den Startlöchern stehen. Statt wie Raab die Geländer herunterzurutschen, kommt Pufpaff eine Stange hinabgesaust. Der „Raab der Woche“ heißt nun „Deutscher Bewegtbildpreis“, wird aber gar nicht verliehen, sondern nur als Running Gag immer wieder angeteasert.

Eigentlich will die Show aber back to the roots. Das heißt: Kerngeschäft der Sendung ist das Kommentieren unfreiwillig lustiger Schnipsel aus Fernsehen und mittlerweile auch dem Internet. Das wohl beliebteste und ergiebigste Opfer der „TV Total“-Redaktion ist eindeutig der neue TV-Sender Bild-TV. Und warum auch nicht? Bei wem würde es mehr Spaß machen, drauf einzuprügeln, als bei dem TV-Ableger einer Zeitung, die seit fast 70 Jahren jeden durch den Schmutz zieht, solange es nur die Auflage steigert? Nach unten buckeln, nach oben treten, heißt die Devise.

Von Schlager bis Bild-TV, alle kriegen ihr Fett weg

ProSieben/ Willi Weber

Silbereisen macht unfreiwillig den Goebbels

Auch der deutsche Schlager muss beim „TV Total“-Comeback ordentlich einstecken. Da wird dann auch mal die aufpeitschende Rede von Florian Silbereisen (40) zum Einstieg in den „Schlagerboom 2021“ mit anderem Bildmaterial kombiniert. Erst ist es William Wallace aus „Braveheart“. Harmlos. Aber die Assoziation, die Silbereisen leider wirklich weckt, wird nicht ausgespart und so trifft der Schlagerboom natürlich auch auf Goebbels. Geschmacklos? Vielleicht, aber für geschmackvolle Pointen guckt man kein „TV Total“. Überhaupt sollte man sich viel eher fragen, ob Silbereisen die Menge auf eine Weise aufpeitschen sollte, die die Assoziation zum NS-Propagandaminister unweigerlich weckt.

Als dritter Vergleich wird dann noch – quasi zum versöhnlichen Ausgleich – Bob der Minion eingestreut. Aber nicht nur Florian Silbereisen, sondern auch Helene Fischer (37) und Giovanni Zarrella (43) müssen dran glauben und werden durch den Kakao gezogen.

„TV total“ ist auch im Jahr 2021 keine Show der subtilen Pointen

ProSieben/ Willi Weber

Ohne Raabigramme – dafür mit Lanz-Bashing

Ein wirkliches Highlight ist aber ein Zusammenschnitt von Markus Lanz‘ (52) Namedropping im Podcast „Lanz & Precht“, der mit Ausschnitten aus der Talkshow „Markus Lanz“ illustriert wird. Diese durchaus kreativen Zweitverwertungen waren schon zu Raabs Zeiten stets die größte Stärke von „TV Total“ und funktionieren ganz wunderbar – ganz gleich, wer moderiert.

Was wohl nicht in bekannter Form zurückkehren wird, sind die Songs, die im Rahmen der Show einst entstanden sind, denn anders als Raab ist Pufpaff kein musikalisches Genie, das mal ebenso ein komplettes Lied um einen Fernsehausschnitt basteln kann.

Andererseits: Wer weiß, ob Raab dies im Hintergrund wirkend für seinen Nachfolger noch tut und Pufpaff nur die Präsentation überlassen sein wird. Das bleibt wie so vieles abzuwarten. Immerhin sind erst zwei Folgen mit Pufpaff gelaufen.