23.08.2020 21:26 Uhr

Elektro-Könige Yello: „Wir sind wie Dick & Doof!“

Das Schweizer Elektropop-Duo Yello über guten Wein, weite Hosen, Synchron-Tanz und den Zufall ihres Erfolgs.

Universal Music

Hausbesuch bei Yello in Zürich: Der umtriebige Dieter Meier (75) gehört zu den reichsten Schweizern. Und doch mutet seine Familien-Villa am hügeligen Stadtrand von Zürich eher kreativ und verspielt an als protzig – wenn man mal von den zwei angeschlossenen Golfplätzen und dem Swimming-Pool absieht.

Im unteren Stockwerk ist auch das Yello-Studio beheimatet, in dem sein kongenialer Partner Boris Blank (68) für den elektronischen Soundteppich für Meiers dadaistische Texte sorgt.

Elektro-Könige Yello: „Wir sind wie Dick & Doof!“

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Besuch bei Yello in Zürich

Hits wie „The Race“, „Bostich“ und „Oh Yeah“ sind längst zu Klassikern des Elektropop geworden. Am 28. August erscheint das 14. Yello-Album „Point“. Es klingt unverkennbar nach Yello und wie ein Roadtrip durch glitzernde Casino- und Crime-Scene-Welten. Beim Interview mit Klatsch-tratsch.de-Starreporterin Katja Schwemmers im Garten des Answesens erzählen die Beiden von Synchron-Tanz, gutem Wein, weiten Hosen, ihrem Mann im Ohr und dem Zufall ihres Welterfolges.

Meine Herren, sind auf diesem Anwesen die großen Hits von Yello entstanden?
Boris Blank: Na, klar! Seit 1985 produziere ich hier. Es standen schon Shirley Bassey, Billy MacKenzie und Moby in diesem Studio. Es ist ein Ort, der sehr viel Wirkung hat.

Dieter Meier: Das Haus hatte ich schon immer als kleiner Junge gesehen, weil ich auf der anderen Seite des Golfplatzes aufgewachsen bin. Als Kind dachte ich: Dieses Haus würde ich gerne mal haben. Fast hätte ich es verpasst, als es dann verkauft wurde. Es war abgewirtschaftet, aber das liebe ich, weil ich dann sanft und behutsam renovieren kann.

Boris, hast du Dieter auch mal auf seiner 30.000 Hektar großen Bio-Farm mit den 10.000 Rindern nahe Buenos Aires besucht?
Blank: Nein, was sehr schade ist. Aber wenn das mit Covid-19 vorbei ist, werde ich mit meiner Frau dorthin reisen.

Dieter Meier und seine Restaurants

Dieter, du besitzt vier Restaurants in Zürich, zwei in Berlin. Bist du oft dort?
Meier: Schon. Die Restaurants sind sehr wichtig, damit die Leute meine Produkte kennenlernen – vor allem meinen Wein und mein Beef aus Argentinien. Die Gäste schätzen das und fangen auch an, Qualität zu verstehen. Ich bin selbst mein bester Kunde: Ich trinke sehr gerne Wein, jeden Tag und nicht nur meinen eigenen.

Was gibt dir denn die größere Befriedigung: Wenn jemand deinen Wein lobt oder einen deiner Yello-Songs?
Meier: Beides ist toll. Wobei guter Wein vergleichsweise einfacher zu machen ist als ein guter Song. Zumindest wenn du Spitzenleute am Start hast, mit denen du die Richtung des Weines vorher besprichst. Einen guten Song zu schreiben ist Glückssache. Der fällt einem zu oder eben nicht.

„I want one more chance. Don’t want to lose my pants“, heißt es in der Single „Waba Duba“. Wie lange braucht man, um auf so was zu kommen?
Meier: Wenn ich die fertige Musik von Boris höre, kommen die Text-Ideen blitzschnell. Oft lässt er mich allein im Studio. Ich darf dann der absolute Idiot sein, der einfach irgendwelche Fantasien vor sich herplappert. Das „Waba Duba“ kommt übrigens von Boris. Mein Text ist Zufall, der lässt sich auch gar nicht erzwingen. Und so schnell wie der Text zu mir gekommen ist, so schnell ist er auch wieder weg. Ich kann praktisch keinen Yello-Song auswendig!

Das klingt, als würdest du dich nicht sehr abmühen?
Meier: Ein Bekannter hat einen Film über mich gemacht. Ich schlug ihm als Titel vor: „Dieter Meier – ein Zufall“. Es ist keine Kokettiererei, aber ich kann beim besten Willen nicht sagen: „Ich habe das geschafft.“ Denn die Dinge fallen mir einfach zu. Das gilt auch für andere Bereiche: Ich musste mal innerhalb weniger Monate 140 Artefakte schaffen, weil das Kunsthaus Zürich eine Ausstellung mit mir machen wollte, ich aber gar nichts zum Ausstellen hatte. Ähnlich war es mit meinem ersten Spielfilm. Der ist einfach passiert.

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40 Jahre im Musikgeschäft

Haben euch eure Hits überrascht?
Blank: Absolut. Dass wir drei Dekaden später noch Geld verdienen mit einem Stück wie „The Race“, von dem man damals gesagt hat, es würde auf der Platte unter ferner liefen laufen, ist ein Kapital. Es ist zeitlos, man kann es heute noch hören, es hat Witz und die Signifikanz von Yello. Letzteres ist nicht zu unterschätzen, das merke ich auch immer an Flughäfen: In meinem Pass steht Boris Blank, Musikproduzent. Manchmal werde ich bei der Passkontrolle gefragt, ob es etwas gibt, was man von mir kennen sollte. Dann zische ich nur: „Oh yeah! Tschikatschikadubaubau.“ Und dann lautet die Antwort meistens: „Natürlich kenne ich das!“

Dabei hast du erst an dem Stück, das später in Filmen wie „Ferris macht blau“ und den „Simpsons“ gefeatured wurde, gezweifelt, oder?
Blank: Dieter zweifelte! Ich schlug ihm damals vor, durch das ganze Stück hindurch „Oh Yeah“ zu sagen. Und Dieter meinte: „Boris, mach ich gerne, aber das ist scheiße, das können wir eh nicht brauchen.“ Am nächsten Tag fanden wir es beide toll. Auch das passierte übrigens nur, weil ich ein paar Tage zuvor eine Jazzplatte gehört hatte, in der mit den Worten „Oh Yeah“ variiert wurde.

Yello werden gern als Pioniere des weißen Raps bezeichnet. Ist das ein Irrtum?
Blank: Ich sage so etwas nie über uns, das wäre Beweihräucherung. Aber auch in Amerika hatten wir diesen Überraschungseffekt mit „Bostich“. In den Clubs in New York wurde der Song Anfang der Achtziger rauf und runter gespielt. Ich habe es bei meinem ersten Besuch im Big Apple selbst gesehen, wie vor allem Dunkelhäutige und Latinos dazu tanzten. Und wie gut sie tanzten! Ich dachte nur: Was? Wir Käseköpfe haben ein Stück Musik gemacht, dass sie toll finden?

Humor verbindet die beiden Elektro-Ikonen

Und was ist mit dem Prädikat „Godfathers of Techno“ für Yello?
Blank: Da war ich immer skeptisch. Wir waren bestenfalls mit dabei, Kraftwerk waren mit Elektronik viel konsequenter. Sie wollten die Maschine sein, was ein tolles Konzept ist. Aber ich wollte den Computern immer das Menschliche und die Seele entlocken.

Welche Musikgröße hat euch noch beeindruckt?
Meier: 2013 stellte ich bei Robert Wilson im Watermill Center in New York 80 Bilder aus. Zur Vernissage kamen nur reiche Leute. Man kann dort auch Bilder ersteigern. Neben mir hatten sie einen Stuhl freigehalten für Lady Gaga, die erst mal mit ihrem schwarzen Hubschrauber auf dem Gelände landen musste. Als wir später ins Gespräch kamen, erzählte sie mir, dass sie ein sehr gutes Bild ersteigert hätte von einem gewissen Dieter Meier. „Das bin ich“, sagte ich belustigt. Sie hat dann eine unglaubliche Rede über die Bedeutung von Kunst gehalten – frei und ohne Zettel. Das war der beste Vortrag, den ich je gehört habe!

Was verbindet euch Zwei?
Blank: Der Humor! Jeden Tag können wir über Begebenheiten lachen, die wir ähnlich lustig empfinden. Es ist selten, dass jemand außergewöhnliche Sachen liebt und darüber lacht, wie Dieter und ich zusammen lachen. Im Kino merke ich immer wieder, dass Leute an völlig anderen Stellen lachen als ich. Ich lache dann, wenn keiner lacht.

Meier: Wir lachen eigentlich nur! Boris ist sowieso der geborene Komiker. Er ist einfach nur zu scheu, das in der Öffentlichkeit zu zeigen.

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Boris Blank erstmals als Regisseur

Ihr beide seid ansonsten sehr unterschiedlich, oder?
Blank: Ich bin eigentlich der Bodenständige von uns zweien. Dieter ist ein Mensch, der gerne kommt, gerne aber auch wieder geht. Und weil Dieter auch ein sehr energischer Mensch ist, bin ich auch froh, wenn er kommt, dann können wir arbeiten, aber ich bin auch froh, wenn er wieder geht. Das ist wohl auch das Rezept für unsere lange Zusammenarbeit und dafür, dass wir uns gegenseitig so lange ertragen. Es ist wie in einer Ehe.

Meier: Wir sind ein wunderbares Paar! Boris liebt es, jahrelang allein im Studio zu sein. Jeder andere Sänger würde dabei wohl verrückt werden. Aber ich bin froh, dass ich anderen Dingen nachgehen und in der Welt umherreisen kann. Wenn es an der Zeit ist, werde ich von Boris sozusagen zugelassen im Studio. Dann pfeife ich schon im Treppenhaus, damit er akustisch gewarnt ist, dass es nun mit seiner Ruhe im Studio vorbei ist.

Boris, du hast für das Video zu „Waba Duba“ zum ersten Mal Regie geführt. Fühlt man da Druck, nachdem Dieter für seine Videos ausgezeichnet wurde?
Blank: Dieter hat mir sozusagen das Vertrauen geschenkt, auch mal ein bisschen zu basteln. Ich habe mich während des Lockdowns autodidaktisch weitergebildet mit dem Filmschneideprogramm. Ich denke eh in Bildern, auch in der Musik. Ich bin eher Stimmungsmacher als Musiker. Da war es naheliegend.

In dem Video gibt es eine Szene, wo du dir selbst ins Ohr läufst. Ist das symbolisch zu verstehen?
Blank: Das kam per Zufall! Auch in der Musik mache ich es sehr oft, dass ich mit der Idee eines Geräuschs, eines Klangs und eines Fragments von irgendwelchen Rhythmusmustern anfange und dass dann nach und nach aufbaue und zusammensetze wie ein Patchwork. Am Schluss bin ich überrascht, welche Kontur da entsteht. Es bildet sich mehr und mehr Tiefe; Sachen, die haptisch wirken bekommen eine 3D-mäßige Perspektive. Die Tiefe hat auch das Video. Ich nahm diesen einzelnen Boris, lies ihn durch die Luft gehen anstatt über eine Fläche. Dass er dann im Ohr landete, war ein Zufall, der mir gut gefiel.

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Dieter Meier ist jetzt 75

Hast du dir auch die witzige Tanz-Choreografie für den Clip ausgedacht?
Blank: Nein, das sind einfach wir! Wir sind unheimlich gut aufeinander eingestimmt und fühlen uns nebeneinander. Wir sind das Pendant zu Dick & Doof! Ich bin ja blind auf einem Auge, habe einen kleineren Radius bezüglich des Blickfelds. Aber wenn man uns beide vor eine Kamera stellt und wir irgendwas machen sollen, spüre ich Dieter sofort, und wir laufen so synchron, dass es eingeübt aussieht.

Tanzt ihr gerne?
Meier: Ich bin von Natur aus ein Bewegungsmensch. Ich tanze oft und viel – vor allem Salsa. Ich nehme jetzt sogar einen Kurs, denn ich bin ein bisschen besessen davon. Es gibt in Zürich sehr viele Salsa-Schulen und große Salsa-Orchester. Ich besuche manchmal ihre Veranstaltungen. Wahnsinn, was da für eine Kraft, Fröhlichkeit und Erfindungsgabe drinsteckt! Salsatanz ist nicht nur gut für die Kondition, sondern auch gegen die Verblödung. Wenn ich 90 bin, werde ich also wahrscheinlich täglich drei Stunden Salsa tanzen.

Du bist im März 75 geworden. Wie fit fühlst du dich?
Meier: Fit! Ich rudere jeden Tag auf Höchstleistung in meinem Gartenhäuschen und wetzte jeden Abend zwei Stunden über meine Golfplätze. Ich bin sehr privat, wenn ich in Zürich bin. Ich gehe nicht auf Partys, ich weiche fast allem aus. Ich bin alleine auf dem Golfplatz. Ich bin absolut fanatischer Golfspieler! Ich trage meine Tüte selber und gehe schnell. Das ist die vernünftige Art, Kalorien zu verbrennen.

Du warst mal professioneller Pokerspieler. Stammt daher die markante Optik?
Meier: Das ist einfach mein Stil. Ich liebe es, auf der ganzen Welt Schneider zu haben – von Hong Kong bis Österreich. Schon als kleiner Junge zog ich Klamotten nicht an, wenn sie mir nicht gefielen. Ich will mir einfach nur täglich eine Hülle schaffen, die meiner momentanen Stimmung entspricht. Wenn ich besonders frivol und gut aufgelegt bin, passiert es oft, dass ich mich mutiger und lauter anziehe. Eine halbe Stunde später sitze ich dann im Auto und denke: Das ist zu laut. Dann fahre ich wieder nach Hause und zieh mich um.

Bist du eitel?
Meier: Nein. Ich besitze alte Jacketts, die haben Mottenlöcher, aber das finde ich ganz lustig, weil es ein bisschen schäbiger und improvisierter aussieht. Ich schmeiße nichts weg. So kann ich immer wieder in eine andere Zeit einsteigen. Momentan, habe ich wieder Freude an viel zu weiten Hosen – wo alle sie eng tragen. Das hat so was Dandyhaftes. Man sieht kaum, dass es Hosen sind. So wie in den Achtziger-Videos von Yello.

40 Jahre sind seit Veröffentlichung des Yello-Debüts vergangen. Wie werdet ihr das feiern?
Blank: Vermutlich gar nicht. Erst wenn es 60 Jahre sind, planen wir in Las Vegas unseren letzten Auftritt! Bis dahin genießen Dieter und ich es, immer noch wie Kinder im Sandhaufen zu spielen, uns gegenseitig die Bälle zuzuwerfen und unbeschwert unsere Leben weiterführen zu können.

Album: Yello „Point“ (Polydor/Universal, Veröffentlichung am 28. August)

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