Fynn Kliemann: Was ist dran an der Empörung von Jan Böhmermann?

Leni HübnerLeni Hübner | 06.05.2022, 19:46 Uhr
Fynn Kliemann mit Basecap im TV-Studio
Fynn Kliemann war immer auf der richtigen Seite. Oder doch nicht?

Foto: IMAGO/ Horst Galuschka

Der angebliche Weltverbesserer Fynn Kliemann soll Dreck am Stecken haben, recherchiert das Team von Jan Böhmermann. Doch so ganz glauben können das viele nicht. Will Böhmi etwa Fynnie einfach nur eins auswischen? Oder hat der sonst so gut gelaunte Gutmensch tatsächlich eine dunkle Seite?

Schon im Vorfeld der Sendung „ZDF Magazin Royale“ ging es heiß her. Während Jan Böhmermann und sein investigatives Team bei ihren Recherchen darauf stießen, dass Fynn Kliemann angeblich gar nicht der nette, sympathische Musiker, YouTuber und Unternehmer ist, für den er sich ausgibt, stellten sich Fans und einige Influencer hinter den vielseitigen Künstler, für den Ruhm und Geld immer so nebensächlich zu sein schien. Bis heute wehrt er sich noch heftig gegen alle Vorwürfe.

Jan Böhmermann ist gut vorbereitet

„Fynn Kliemann kann man nicht in Worte packen, er ist er so eine Art Vibe, ein Lifestyle, fast so etwas wie ein Gefühl“, moderiert Jan Böhmermann in seiner kampfbereiten Satiresendung seinen persönlichen Song über den beliebten Tausendsassa an, der Immobilien kauft und renoviert, in Geschäfte investiert, Hitalben produziert und  sich mit Kliemannsland als Handwerkerkönig sein eigenes Reich gegründet hat.

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Vor dem TV sitzen sicher auch viele Kliemann-Fans, die seit Tagen beobachten, wie sich die Schlacht zwischen dem scharfzüngigen Jan Böhmermann und dem gechillten Kumpel Fynn entwickelt. Bisher hat niemand geglaubt, dass das „ZDF Magazin Royale“ etwas finden könnte, dass den supersozialen Helden der hypermodernen Marktwirschaft entehren könnte. Im Gegenteil.

Unterschätze nie das „ZDF Magazin Royale“

„Eigentlich gibt man das seinen Anwalt und der antwortet dann darauf“, meinte Fynn noch am Dienstag, als er eine Mail aus der Böhmermann-Redaktion erhalten hatte. Aber weil Kliemann ein Fan von Transparenz sei, arbeitete er den gesamten Fragenkatalog vom „ZDF Magazin Royale“ auf seinem Instagram-Kanal im Feed durch.

Dabei gab er sich siegessicher und fand es von sich offenbar selbst großartig, den Coup der skandalösen Offenlegung zu versauen.

Dabei beschleicht einem beim Zuhören schon das Gefühl, dass er Jan Böhmermann unterschätzt. Wer „ZDF Magazin Royale“ kennt, weiß, dass sich Jan Böhmermann seine Angriffe mit Fakten untermauern lässt. Meistens jedenfalls. So kämpft Fynn Kliemann an Bord seiner Titanic, ohne auf den Grund sehen zu können.

Lass dir gut gehen

Ein großer Punkt ist die LDGG – das Kürzel steht für „Lass dir gut gehen“. Die LDGG sei so etwas wie AirBnB für Leute, die mal rauskommen wollen aus der Stadt, sich dann aber wundern, wenn es kein LTE gibt, erklärt Böhmermann. Für Fynn Kliemann bedeutet LDGG die „Demokratisierung von Urlaub als Sozialexperiment“: Hier urlauben Menschen zu einem Mindestpreis in Fynns Ferienwohnungen, können aber freiwillig mehr zahlen, um Sozialschwächeren hier auch einen Urlaub zu finanzieren.

Eine gute Idee, die nun erst einmal auf der Webseite deaktiviert wurde. Dieses Mehrgeld hatte Fynn nämlich als Spende deklariert und wohl Schwierigkeiten dabei gehabt, eine NGO zu finden, die das Geld verwaltet und an Bedürftige weiterleitet. Mittlerweile heißt die Spende Solibeitrag und die Tafel Deutschland, mit der Fynn das Hilfsprojekt nach langem Planen wohl endlich durchziehen wollte, ist abgesprungen.

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Falsche Namen und falsche Begriffe

Seltsamerweise wurde nach jeder Anfrage, die das Team vom „ZDF Magazin Royale“ stellte, die Webseite der LDGG angepasst. Zunächst sollte sich „hoffentlich“ die NGO „Aktion Mensch hilft“ um die Spendengelder kümmern. Die gibt es gar nicht, kurz darauf wurde verbessert und behauptet, die „Aktion Deutschland hilft“ sei zuständig, nur hatte die Fynn längst eine Absage erteilt.

Das ganze Durcheinander ist ein gefundenes Fressen für Jan Böhmermann, der sich direkt darüber lustig macht, dass Fynn Kliemann die Angelegenheit sehr locker nimmt. Grundsätzlich sollte man sich ja tatsächlich im Vorfeld Gedanken machen, wie man Spendengelder oder Soli-Beiträge verwaltet, ehe man sie einsammelt.

Doch mit der Umbenennung in Soli-Beitrag ist Fynn auch die rechtlichen Pflichten los, die mit Spenden einhergehen. Ein lässiger Schritt, lobt der TV-Scharfrichter sein „Opfer“ ironisch.

Fynn Kliemann hat Fehler gemacht

Fynn Kliemann macht in seinem Statement zur „Konfrontation“ durch die ZDF-Journalisten deutlich, dass er das schwebende Verfahren rund um die Gelder nicht so schwer nimmt. Er kämpft ja für die gute Sache. Überhaupt scheint wirklich jede Kritik an ihm abzuprallen. Er gibt Fehler zu, korrigiert sie und macht weiter: aus Überzeugung, dass man nur durch Machen etwas erreichen kann.

Dafür bekommt Fynn Kliemann auch noch viel Applaus. Viele Fans zollen ihm Respekt, dass er so ehrlich ist und den Vorwürfen nicht ausweicht. So erklärt er, wie viele Mitarbeiter er hat, wie fair er mit seinem Ex-Co-Songschreiber Jens Schneider und der Gema umgeht und was für ein gutes Konzept die LDGG eigentlich ist. Auch seine Zusammenarbeit mit Global Tactics erklärt er, nach dem Motto, sein Kumpel Tom Illbruck kümmere sich um alles, damit Kliemann-Fans ihre Hoodies erhalten.

Verpeilter Künstler oder eiskalter Abzocker?

Vielleicht ist Fynn ja wirklich so verpeilt, dass er vor lauter Erfolg nicht mehr genau weiß, wie man ein Unternehmen strukturiert und Kommunikation transparent führt. Seine treuen Fans erscheint die Spendenaffäre als recht klein und keinen Boykott wert. In der Sendung jedoch packt Jan Böhmermann einen Hammer aus, der Fynn Kliemann einen Tiefschlag versetzen haben dürfte.

Fynn Kliemann hat Masken verkauft, die angeblich von Global Tactics korrekt und fair in Portugal produziert wurden. Doch das scheint nicht zu stimmen. Statt europäische Produzenten zu unterstützen und den Menschen hierzulande in der Pandemie mit einem sinnvollen Produkt beizustehen, sind die Masken wohl Billigware aus Bangladesh, wo die Produktionsbedingungen alles andere als gut sind. Ein Großteil soll auch aus Vietnam stammen, wie Packlisten beweisen sollen.

Fynn Kliemann wusste Bescheid

Nachhaltige Produktion ist das Fundament von Global Tactics, somit ist das Textilunternehmen, in dem Fynn Kliemann aktiver mitwirkt, als er bisher zugegeben hat, auf einer Lüge aufgebaut? Ja, Mails belegen sogar, dass Global Tactics mit dem Wissen von Tom und Fynn alles versucht hat, um die Herstellungsländer vor dem Kooperationspartnern geheimzuhalten.

Das Team von Jan Böhmermann legte auch Sprachnachrichten und Whatsapp-Verläufe offen, die Fynn Kliemann als gewissenlosen Geschäftsmann zeigen. Demnach fand Fynn laut den Beweisen medizinische Zertifizierungen auch viel zu störend, weil man da ja Auflagen erfüllen müsste. Anscheinend ging es ihm also nicht darum, die Pandemie einzudämmen, sondern schnell Gewinne einzufahren.

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Fans laufen in Scharen weg

Positive Kommentare findet man keine mehr auf seinem Instagram-Account und auch die Unterstützer schweigen. Zum Abschluss präsentiert Jan Böhmermann noch den winzigen Hinweis, dass Fynn Kliemann und Tom Illbruck während der Pandemie 100.000 Masken gespendet haben könnten, die unbrauchbar für den Verkauf waren. „Das glaube ich erst, wenn ich es in den privaten Chats von Tom Illbruck sehe“, meint der Moderator.

Der Chatverlauf folgt prompt, die Recherchen sind auf der Seite LMAAFK im Internet zu sehen. Der Nachhaltigkeitspreis, den Fynn für die Masken bekommen hatte, wurde aberkannt. Und Fynn Kliemann? Der verdaut die Sendung noch, denn anscheinend hatte er keine Ahnung, wie fleißig Material gegen ihn gesammelt wurde. Vermutlich hat er jetzt doch seinen Anwalt angerufen, doch als erstes tritt er wieder die Flucht nach vorn an.

Statement von Fynn Kliemann

„Ich möchte mich in aller Form bei allen Personen, Organisationen, Institutionen entschuldigen, die nun ‚auf den ersten Blick‘ enttäuscht und geschockt sind“, erklärt Fynn Kliemann in einem langen Schreiben, das die Behauptungen, die Jan Böhmermann aufgestellt hat, entkräften soll. So seien die gespendeten Masken nicht fehlerhaft gewesen, sondern zu groß und überhaupt sei sein einziger Fehler mal wieder nur seine Verpeiltheit.

„Ich nehme diese Vorwürfe sehr ernst“, betont Fynn Kliemann und deshalb weiß er auch noch genau, dass Global Tactics zwar Masken in Bangladesch für einen Großhändler produziert habe, „seine“ Masken seien aber nur aus Portugal und Serbien gewesen. Alles andere werden mit Sicherheit die Anwälte des ZDF, von Fynn Kliemann und Tom Illbruck klären. Der Fall könnte sogar vor Gericht gehen, wenn beide auf ihrer Wahrheit beharren.