Comedy vs. CoronaKarl Lauterbach: Warum seine Teilnahme bei „One Mic Stand“ eine schlechte Idee ist

Sebastian GrünbergerSebastian Grünberger | 15.07.2022, 16:01 Uhr
Karl Lauterbach steht mit Hazel Brugger auf der Bühne
Karl Lauterbach 2022 in der Show „One Night Stand“

Daniel Doernhoefer/Amazon

In der neuen Show „One Mic Stand“ versucht sich Gesundheitsminister Karl Lauterbach als Stand-up-Comedian — und lässt sich von Hazel Brugger coachen. Da stellt sich die Frage: Ist der SPD-Politiker in Zeiten der Covid-19-Pandemie wirklich gut beraten, als Humorist aufzutreten?

Dass Karl Lauterbach (59) jede Menge humoristisches Potenzial hat, haben Zuschauer der „ZDF Heute Show“ und Follower von Hazel Bruggers YouTube-Kanal oft genug erlebt. Egal ob im Austausch mit der Schweizer Comedienne oder in witzigen Interviews mit Lutz van der Horst oder Fabian Köster: Lauterbach fiel oft mit seinem sehr trockenen, sarkastischen Humor auf. Jetzt ist der Gesundheitsminister in der Amazon-Prime-Show „One Mic Stand“ (zu sehen ab 15.7. 2022) aber tatsächlich als angehender Comedian zu sehen (mit Hazel Brugger als Coach) — und wir sind uns nicht so ganz sicher, ob das wirklich eine gute Idee ist.

Karl Lauterbach: Comedy in Zeiten von Corona?

Wir schreiben Juli 2022, Deutschland und die Welt ist aus der seit Jahren grassierenden Covid-19-Pandemie noch nicht draussen. Möglicherweise sogar noch lange nicht, diese Warnung hören wir oft. Klar, es ist Sommer und wir müssen glücklicherweise nicht mehr überall Maske tragen, wir können trotz Flughafen- und Bahnchaos wieder ein wenig reisen. Aber die Zahlen schellen wieder hoch — und wie unangenehm der Herbst wird, wissen wir nicht.

Egal, ob man das Pandemiemanagement für exzellent, angemessen, übertrieben oder völlig katastrophal hält, egal welche Partei man wählt: Covid-19 wird uns die nächsten Monate und vielleicht sogar (hoffentlich nicht!) Jahre beschäftigen. Lauterbachs Gangart in der Covid-Politik ist bekannt: Er mahnt zur Vorsicht, ist gegen vorschnelle Lockerungen. Lauterbach warnt — und das ist auch Teil seines Jobs, schließlich ist der Gesundheitsminister vor allem nicht Nicht-Schönwetterzeiten gefragt.

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Und ja, man soll auch in Zeiten der Pandemie lachen. Die Frage ist nur, ob es seriös ist, dass wir uns nun von dem Mann, der eigentlich dafür verantwortlich ist, uns ausgewogen und wohl überlegt durch die Krise (die vielleicht größte, die viele von uns je erlebt haben) zu manövrieren, uns jetzt mit Kalauern und seinem leicht ulkigen Akzent bespaßen möchte. Es ist eine Krise, über die niemand lachen kann: Es geht um fundamentale Einschränkungen, gesundheitliche Risiken, eine völlig veränderte Form des sozialen Lebens. Es geht um Jobs, um Geld. Um Lieferengpässe, um psychische Folgen in der Bevölkerung. Eigentlich sollte man sich von Politikern, die solche Aufgaben übernehmen, Seriosität und Zurückhaltung erwarten.

Er wird damit nicht weniger polarisieren

So oder so: Lauterbach polarisiert. Nicht nur bei strikten Covid-Leugnern, sondern auch bei Menschen, die durchaus für Prävention und Vorsicht sind, aber trotzdem finden, dass Lauterbach eine übertrieben ängstliche Politik betreibt. Diese Meinung mag zutreffen oder nicht, wir wollen das an dieser Stelle überhaupt nicht bewerten. Faktum ist aber, Lauterbach ist definitiv umstritten… und das längst nicht nur in fragwürdigen Kreisen, die Covid für eine Verschwörung oder was auch immer halten.



Mal ehrlich: Keine Ahnung, was sich Lauterbach durch die Teilnahme bei „One Mic Stand“ erhofft. Eine besonders gute PR-Maßnahme für seine Corona-Politik ist es nicht. Ein neues Publikum wird er sich dadurch auch nicht erschließen. Leute, die ihn bisher nicht mochten, werden ihn dadurch noch weniger mögen. Vielleicht vergrault er damit aber auch Leute, die ihm bisher eher neutral bis wohlgesonnen gegenüber standen.

Karl Lauterbach: Noch mehr, noch öfter… echt jetzt?

Und da wäre noch Lauterbachs ohnehin schon starke mediale Präsenz. Man hat das Gefühl, keine Markus-Lanz-Sendung findet ohne ihn statt. Er ist in gefühlt jeder Talkshow zu Gast. Lauterbach zeigt Präsenz wie wenige andere Politiker. Das ist im Fall einer Covid-19-Pandemie prinzipiell auch gut — aber zu viel Präsenz kann auch kontraproduktiv sein.

Kritiker werden Lauterbach vorwerfen, dass er vom Scheinwerferlicht ganz offensichtlich gar nicht genug bekommt — und den Eindruck bekommt man auch, wenn man dem Gesundheitsminister prinzipiell wohlwollend gegenüber steht. Es tritt der „Nicht der schon wieder“-Effekt auf — und der ist nicht gerade dienlich für ein Arbeiten als Politiker.

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Diese Dauerpräsenz kann durchaus auch als Narzissmus gedeutet werden. Bei aller Wertschätzung vor Lauterbachs Kompetenz scheint es, als wäre seine Teilnahme an der Comedy-Show „One Mic Stand“ in vielerlei Hinsicht ein Griff ins Klo. Nochmal: Ja, wir haben auch in der Covid-Pandemie große Lust, zu lachen. Allerdings wünschen wir uns durchaus andere Gag-Lieferanten als jenen Mann, der dafür sorgen sollte, dass wir durch diese Pandemie bald mal durch sind. Wären wir Lauterbachs PR-Berater — wir hätten ihm dringend davon abgeraten.