„Tatort“: Das waren die heftigsten Fälle in 50 Jahren

Redaktion KuTRedaktion KuT | 01.01.2022, 12:01 Uhr

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Seit einem halben Jahrhundert flimmert der „Tatort“ nun über die Mattscheibe. In dieser Zeit erschienen 1.175 Folgen. Da ist es natürlich wenig überraschend, dass die Reihe durch Hochs und Tiefs ging. Wir werfen einen Blick auf die außergewöhnlichsten Fälle aus 50 Jahren deutscher Fernsehgeschichte.

1970 startete eine Krimireihe, die als Kooperation der einzelnen Sendeanstalten der ARD, des ORF und des SRF zu einem in dieser Form wohl einmaligen Krimiphänomen werden sollte. Mit vielen verschiedenen Ermittlern und Teams, die unter dem gemeinsamen Banner „Tatort“ tätig sind, blieb der „Tatort“ trotz der bewährten Krimidramaturgie abwechslungsreich und brachte hin und wieder wahre Filmperlen hervor. Auf genau die wollen wir hier einen Blick werfen – es geht um jene Folgen, die in Erinnerung bleiben.

„Tatort“-Teams: Aller Abschied ist schwer

Wenn Zuschauer Serienfiguren im Fernsehen lange folgen, entsteht eine parasoziale Bindung zu diesen, was zu starker Empathie mit den Charakteren führt. Serien wie „Game of Thrones“, „Buffy – Im Bann der Dämonen“ oder „Lost“ haben sich diese starke Bindung des Publikums an die Serienfiguren stets zunutze gemacht, um den Zuschauer durch ein Wechselbad der Gefühle zu schicken, was aber auch den Reiz dieser Serien ausmachte. Das deutsche Fernsehen kennt nur wenige Sendungen, bei denen der Zuseher derart an fiktive Figuren gebunden wird. Der „Tatort“ stellt eines dieser Formate dar. Wenn ein lieb gewonnener Ermittler stirbt, berührt uns das. So bleiben entsprechende Folgen im Gedächtnis.

Goodbye Lessing – „Der feine Geist“

Die Bindung zwischen Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner, 40) und ihrem Partner Lessing (Christian Ulmen, 46) war eine besonders innige. Weder Dorn noch der Zuschauer realisieren in „Der feine Geist“ zunächst, dass der Schuss aus der Waffe eines Flüchtigen Lessing so schwer verwundet hat, dass er an Ort und Stelle gestorben ist. Weil Dorn nicht realisiert hat, dass Lessing tot ist, sieht sie ihn weiter herumlaufen, hört ihn mit ihr sprechen. Umso härter trifft der Tod Lessings uns all dann, wenn Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey, 52) dessen Leiche findet.

Auf „Das Team“ war hier kein Verlass

Wir hätten die Crossover-Folge „Das Team“ auch unter den experimentellen Folgen (siehe unten) aufführen können, wird hier die Handlung doch in Form eines großteils improvisierten Kammerspiels entsponnen. Der Film gehört zwar zu der Reihe der Dortmunder Ermittler Faber und Bönisch, sieht aber das Ende einer Figur aus dem Münsteraner „Tatort“ mit Thiel und Boerne: Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter, 42), die von Sascha Ziesing (Friedrich Mücke, 40) ermordet wird.

Der ist selber einer der Ermittler, die in einem klassischen Whodunit-Szenario zusammen in einem Hotel festsitzen und den Mörder unter sich finden müssen. Die Event-Folge beinhaltet einen denkwürdigen Gastauftritt von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (60); er ist es, der den Ermittlern mitteilt, dass sie das Mysterium unter den ungewöhnlichen Umständen aufdecken müssen.

„Tatort“ und „Polizeiruf 110“: Die Abschiede und Neuzugänge in 2021.

Kira Dorn (Nora Tschirner) musste im „Tatort“ von ihrem Kollegen Lessing (Christian Ulmen) Abschied nehmen

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Der „Tatort“: Schocker und Aufreger

Nicht immer ist der „Tatort“ leichte Unterhaltung, manchmal ist er auch richtig schwer verdauliche Kost, ja regelrecht schockierend. Es gab „Tatort“-Folgen, die die Gemüter aufgrund des Inhalts, der Bildsprache oder der Darstellung bestimmter Problematiken oder Personengruppen erhitzten. Hierbei muss man natürlich festhalten, dass sich die Schockgrenze über die Jahre verschoben hat. Als Horst Schimanski (Götz George, †) zum ersten Mal „Scheiße“ im deutschen Fernsehen sagte, war das ein Skandal. Nach 29 „Tatorten“ im Fernsehen und zwei im Kino mit ihm hatte man sich daran gewöhnt.

„Tatort“: Das waren die heftigsten Fälle in 50 Jahren
Schimanski (Götz George) ist im „Tatort“ gerne mal lauter geworden

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„Wegwerfmädchen“ polarisiert mehrfach

Hin und wieder kam es zu Episoden, die den durchschnittlichen „Tatort“-Gucker an die Grenze des Erträglichen trieben und nicht selten einen Shitstorm oder in früheren Zeiten eine Flut wütender Briefe auslösten. 2012 löste der „Tatort“ „Wegwerfmädchen“ vom Norddeutschen Rundfunk aufgrund der überaus drastischen Darstellung von systematischem sexuellen Missbrauch, aber auch wegen des Endes, denn ein Unschuldiger landete hinter Gittern, heftige Proteste aus. Hinsichtlich des Endes muss man sagen: Vielen war entgangen, dass es sich um einen Zweiteiler handelte und die Geschichte in „Das Goldene Band“ fortgesetzt wurde. Doch die Bilder einer schwer misshandelten jungen Frau, die sich aus einem Müllberg freikämpft, waren nichts für Zartbesaitete.

„Weil sie böse sind“ und „Bestien“: Eine Frage der Moral

Folgen wie „Weil sie böse sind“ und „Bestien“ schockierten, weil sie das Publikum nicht nur mit brutalen Taten, sondern auch mit moralischen Konflikten konfrontierten. Darf man mit einem Mörder sympathisieren, wenn die Opfer unbestreitbar böse Menschen sind? Im ersten Fall haben wir einen von Matthias Schweighöfer (40) gespielten Adelsspross, der den Mörder seiner Familie noch zur Tat anstachelt, weil sie zutiefst verdorbene Menschen sind. Im zweiten Fall vernichtet Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, 61) sogar Beweise, um eine Mutter, die den Vergewaltiger und Mörder ihrer Tochter tötete, vor der Justiz zu schützen.

DIESE drei „Tatort“-Teams feiern 2022 ein Jubiläum.

In einer „Tatort“-Folge vernichtet Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) Beweismaterial

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Fehlerhafte Darstellungen

Wenn der „Tatort“ sich mit realen Problemen und Milieus befasst, kann das aufklärerische Wirkung haben, wie bei „Manila“, die sich im Jahr 1998 offen mit Kinderhandel und Sextourismus auseinandersetzte. Genauso kann es passieren, dass man wie in „Gier“, ein fall des Eisner/Fellner von 2015, ein klischeebehaftetes Bild – in diesem Fall der „bösen“ Chemieindustrie – abliefert. Dabei gilt: Je konkreter der Realitätsbezug, desto heikler. Wenn in „Absturz“ (2010, die Leipziger Ermittler Saalfeld und Keppler) ein reales Flugzeugunglück als Vorbild genommen wird und sich dann alles Drumherum sehr unrealistisch abspielt, mag das ein wenig pietätlos wirken, schadet aber schlimmstenfalls der Glaubwürdigkeit des „Tatorts“.

Anders verhielt es sich da mit dem Hannoveraner „Tatort“„Wem Ehre gebührt“ von 2007. Diese Folge zeigte Aleviten, die in inzestuösen Verhältnissen leben – ein in der Türkei gängiges Vorurteil gegen diese Glaubensgemeinschaft. Alevitische Immigranten in Deutschland waren über diese diskriminierende Darstellung verständlicherweise erbost und demonstrierten sogar gegen die Folge, die seither im NDR unter Verschluss gehalten wird. Es gab sogar Anzeigen wegen Volksverhetzung gegen die Verantwortlichen.

„Tatort“ 2022: DAS sind die neuen Ermittler!

Der „Tatort“ „Wem Ehre gebührt“ mit Maria Furtwängler liegt mittlerweile im Giftschrank des NDR

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Die etwas anderen Folgen

Der „Tatort“ ist ein allwöchentliches Fernsehritual. Jede neue Folge feiert im Regelfall sonntagabends um 20:15 Uhr ihre Premiere und wird meist zeitgleich in der Mediathek online gestellt. Daneben gibt es die Tatort-App, wo die Fälle häufig noch früher verfügbar sind. Und neue Folgen gibt es außer in der Sommerpause von Mitte Juni bis Ende August wöchentlich. Bei so viel Routine fallen die Episoden auf, die Neuland betreten und mal ein wenig mit dem eingefahrenen Format experimentieren.

Der Wiesbadener „Tatort“ mit Ulrich Tukur als Felix Murot

Wenn eine „Tatort“-Reihe für Experimentierfreude und Hommagen an die großen Klassiker des Kinos steht, ist es der „Tatort“ aus Wiesbaden mit Ulrich Tukur (64). „Im Schmerz geboren“ von 2014 etwa war an den Stil Quentin Tarantinos (58) angelehnt und zitierte nicht nur dessen Filme, sondern etwa auch Italowestern wie „Spiel mir das Lied vom Tod“. Es war aber wenig überraschend auch der „Tatort“ mit den meisten Toten, was auch zu einigem Unmut bei manchen Fans der Reihe führte.

„Murot und das Murmeltier“ (2019) mit dem Wiesbadener Kommissar Felix Murot machte schon im Titel klar, was das große Vorbild war: „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Dabei hatte der „Tatort“ weit größere Parallelen zu „Happy Deathday“ (2017), denn in beiden Filmen wird die Zeitschleife mit dem Tod des Protagonisten zurückgesetzt und er (bzw. sie) muss den eigenen Tod verhindern, um die Zeitschleife zu durchbrechen.

Ulrich Tukur beim Dreh der „Tatort“-Folge „Murot und das Murmeltier“

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Ganz schön „Meta“

Der Film im Film – das ist die Grundidee hinter der Folge „Meta“ des Berliner Ermittlerteams Rubin und Karow von 2018. In der Folge existiert ein Film namens „Meta“, der inhaltlich dem Fall, den die beiden lösen müssen, entspricht. Folglich gibt es auch in dem Film „Meta“ in der Folge „Meta“ einen Film, der den Fall der Ermittler im Film widerspiegelt. „Tatort“ meets „Inception“, könnte man sagen.