ABBA: Wie ist das eigentlich, wenn einen die Popgötter persönlich empfangen?

Paul VerhobenPaul Verhoben | 06.11.2021, 12:30 Uhr
ABBA: Wie ist das eigentlich, wenn einen die Popgötter empfangen?
ABBA: Wie ist das eigentlich, wenn einen die Popgötter empfangen?

© Baillie Walsh

Katja Schwemmers kennt sie alle: Die umtriebige Journalistin hatte viele Begegnungen mit Stars wie Madonna, Jennifer Lopez, Lady Gaga, Robbie Williams, Bon Jovi, U2, um nur einige wenige Namen zu nennen. Und natürlich waren auch ABBA dabei. Anläßlich des Comebacks der schwedischen Popgötter hat klatsch-tratsch.de mit ihr geplaudert.

ABBA haben ein furioses Comeback hingelegt. Das neue Album „Voyage“ wird überwiegend positiv aufgenommen, die Euphorie unter den alten und neuen jungen rund um den Planeten kennt keine Grenzen.

Katja Schwemmers gehörte zu den wenigen, die die wohl bedeutendste Popgruppe der letzten fünf Jahrzehnte hautnah erleben durfte. Und sie bestätigt das Bild, was man von der Band kennt: Bodenständig, allürenfrei, sympathisch.

ABBA: Wie ist das eigentlich, wenn einen die Popgötter empfangen?

Foto: RTL / Polar / Universal Music

Wie kam es zu den Treffen mit den ABBA-Mitgliedern?
Das war unterschiedlich. Bei Agnetha bekam ich 2013 von der Plattenfirma Universal einen Anruf, dass sie ein Soloalbum veröffentlichen und für einige wenige Interviews in Stockholm zur Verfügung stehen würde. Das Ganze fand dann im noblen Grand Hotel statt, wo ABBA schon mal einen Werbespot gedreht haben. Keine zwei Wochen später wurde ich dann gefragt, ob ich Björn bei der Internationalen Tourismusbörse in Berlin sprechen wollte, er würde dort seine Pläne für ein ABBA-Museum vorstellen. Und bei Benny war es so, dass er vor vier Jahren die wichtigsten Stücke seiner Karriere für ein „Piano“-Soloalbum noch mal neu eingespielt hat. Ich traf ihn in Hannover, wo er die Platte in der Carmen-Nebel-Show vorstellte.

Waren Sie aufgeregt vor den Gesprächen?
Ich bin immer aufgeregt vor einem Interview. Aber wenn die erste Frage erst mal gestellt ist, das Gegenüber zu reden anfängt und man spürt, wie der Mensch, der da vor einem sitzt, heute und generell so drauf ist, weicht die Nervosität der Konzentration. Denn man hat sich ja gut überlegt, was man wissen will und wie man diesen Legenden etwas Spannendes entlockt, dass man nicht schon Hundert Mal gelesen hat.

ABBA: Wie ist das eigentlich, wenn einen die Popgötter empfangen?

IMAGO / Landmark Media

Wie waren Agnetha, Björn und Benny drauf?
Bei Agnetha Fältskog war vorher klar, dass es sie eine Riesenüberwindung kosten würde, wieder in die Öffentlichkeit zu treten. Ihr letztes Album war neun Jahre her, und zu dem neuen Album musste sie lange von den Produzenten überredet werden. Sie lebte zwischenzeitlich total zurückgezogen, und ein Stalker hatte ihr ordentlich zugesetzt. Auf die Stalker-Geschichte sollte man sie aber nicht ansprechen. Da war Fingerspitzengefühl gefragt.

Aber es lief trotzdem gut?
Ja, viel besser als gedacht. Von Popstar-Allüren keine Spur. Sie wirkte in sich ruhend, aber auch ein bisschen melancholisch und unsicher, wohin die Reise für sie gehen würde. Letztendlich war sie viel gesprächiger und offener, als ich es ursprünglich angenommen hatte. Zum gemeinsamen Foto musste ich sie trotzdem erst überreden. Dass sie kamerascheu ist, zeigt sich ja auch jetzt wieder bei der ABBA-Reunion. Deshalb war mir auch klar, dass Agnetha auf keinen Fall auf der „Wetten, dass…?“-Couch Platz nehmen würde.

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© Universal Music

Und wie war es mit den zwei Bs von ABBA?
Total super. Björn Ulvaeus hat so ein Feuer für das, was er tut. Seine Augen leuchten, wenn er über ABBA spricht. Er hat echt noch so was Spitzbübisches und kann gut über sich selbst lachen – zum Beispiel über die Outfits von damals. Irgendwann meinte er dann: „Manchmal frage ich mich, ob ich das Genie bin, dass all diese Songs geschrieben hat.“ Da musste ich lachen. Es war auch lustig, dass ich Björn sagen konnte, dass ich ein paar Tage zuvor seine Ex-Frau in Stockholm getroffen hatte. Mit Benny war es dann wirklich außergewöhnlich, denn der Zufall wollte, dass das Interview ganz anders lief als geplant.

Inwiefern?
Als Interviewer freut man sich über alles Ungewöhnliche. An diesem Nachmittag war es so, dass eines von Bennys Pferden bei einem wichtigen Rennen in Dänemark an den Start gehen sollte. Benny fragte mich also als erstes, ob es okay wäre, wenn wir in zehn Minuten auf seinem Laptop das Pferderennen anschauen könnten. Eine echte Sternstunde! Bis es losging, sprachen wir nur über seine Pferdezucht, die er ansonsten nie an die große Glocke hängt und von der hierzulande auch kaum jemand weiß. In dem Zusammenhang erzählte er auch viel Persönliches. Er hat wirklich einen wunderbar trockenen Humor! Benny dabei zu beobachten, wie er kurz vor dem Rennen über die Internetverbindung schimpft und dann mit seinem Pferd mitfiebert, war wirklich köstlich. Ich meine, der Mann hat 400 Millionen Tonträger verkauft und kämpft genauso mit dem WiFi wie jeder von uns! (lacht)

Wie haben die einzelnen Mitglieder sich bezüglich eines ABBA-Comebacks geäußert?
Ich weiß noch, dass Agnetha damals sagte: „Warum sollten wir uns das antun? Ich sehe keinen sinnvollen Grund dafür!“ Und Björn meinte: „Wir waren uns immer einig. Also haben wir immer nein gesagt.“ Aber das war 2013! Benny habe ich vier Jahre später gar nicht mehr danach gefragt, denn da war schon die Hologramm-Tour, die jetzt die Avatar-Tour ist, in aller Munde.

Ist die Tour eine gute Idee?
Klar, sie werden damit einmal mehr unsterblich! Nach dem erfolgreichen Musical, den „Mamma Mia!“-Filmen und dem ABBA-Museum macht dieser Schritt doch Sinn. ABBA sind in den zehn Jahren, in denen sie damals aktiv waren, nur wenige Monate auf Tour gewesen. Zum Glück, denn nur deshalb sind in der Zeit über 100 Songs entstanden. Und bald kann sie quasi jeder in einem Konzertrahmen erleben. Ich fragte übrigens Benny seinerzeit, ob es nicht ein komisches Gefühl sei, dass die Show sie überleben wird. Er meinte, dass sie deshalb jetzt entwickelt wird, so lange sie noch leben, damit sie Einfluss darauf nehmen können. Und natürlich genießen es Benny und Björn auch mit der „Voyage“-Tour etwas komplett Neues erschaffen zu haben. Die Tour ist ABBAs Erbe, aber eben auch ABBAs Flirt mit der Zukunft.

Was ist mit dem Musik-Comeback? Hätten ABBA nicht besser daran getan, es sein zu lassen?
Man sieht ja an den Reaktionen auf die Singles, dass es ihnen nicht schadet – ganz im Gegenteil! Die Band war fast 40 Jahre inaktiv und trotzdem immer präsent. Ihrem Legendenstatus kann niemand mehr etwas anhaben. Das Album ist ja quasi zufällig auf den Weg gebracht worden, als sie an zwei Songs für die Avatar-Tour arbeiteten. Und ich könnte mir vorstellen, dass Björn und Benny es dann einfach noch mal gereizt hat zu sehen, wie ein neues Album ankommt und was es auslöst.

ABBA: Wie ist das eigentlich, wenn einen die Popgötter empfangen?

Fotos: privat

Was kommt nach „Voyage“?
Nichts. Es wird das Ende der ABBA-Reise sein – zumindest musikalisch, das ist sicher. „This is it“, sagte Benny doch letzte Woche gegenüber der Zeitung „Guardian“. Wir wissen, was Michael Jackson passiert ist, nachdem er diese Worte sagte. Hoffen wir also, dass die ABBAs weiterhin ein gesundes Leben haben werden. Und wer weiß, vielleicht setzen Benny und Björn den zweiten Filmteil von „Mamma Mia!“ doch noch als Musical um oder finden noch ein weiteres spannendes Outlet, um die Hits von ABBA allgegenwärtig zu haben.

Was ist Ihr Lieblings-ABBA-Song?
Natürlich „Dancing Queen“. Es ist der beste Popsong aller Zeiten. Man wird ihm nie überdrüssig. Man möchte beim Hören vor Euphorie die Arme hochreißen, die Tanzfläche stürmen, mitsingen. Gleichzeitig stimmt er auch irgendwie melancholisch und nostalgisch, speziell, wenn man nicht mehr 17 ist. Der Song ist eine bittersüße Angelegenheit.

Interview: Paul Verhoben