Sonntag, 24. Juni 2018 20:43 Uhr

„Panic! At The Disco“: Brendon Urie trägt die Klamotten seiner Frau

Brendon Urie von ‚Panic! At The Disco“ plaudert hier über das gerade erschienene Album, seinen Ausstieg aus der Kirche, seine deutsche Lieblingsband, das Singen in High Heels und die Klamotten seiner Frau.

Brendon Urie von "Panic! At The Disco" über das neue Album

Foto: Warner Music

Robbie Williams twitterte über das letzte Album von Panic! At The Disco begeistert: „So sollte ich klingen!“ Brian May von Queen beglückwünschte Frontmann Brendon Urie zur gelungenen Coverversion von „Bohemian Rhapsody“, die viral die Runde machte. Obwohl der 31-jährige Sänger mit der Vier-Oktaven-Stimme das letzte verbliebene Gründungsmitglied der US-Rockband ist, die 2006 mit dem Hit „I Write Sins Not Tragedies“ den Durchbruch schaffte, sind Panic! At The Disco erfolgreicher denn je. Das Crooner-Werk „Death Of A Bachelor“ von 2016 war ihre erste Platte, die es auf die Pole der US-Charts schaffte.

Mit „Pray For The Wicked“ erscheint nun das sechste Studio-Album, was merklich poppiger ausgefallen ist. Beim Interview mit klatsch-tratsch.de-Autorin Katja Schwemmers in Berlin erzählt der gut gelaunte Brendon Urie von seinem Ausstieg aus der Mormonen-Kirche, seinem Musical-Gastspiel auf hohen Hacken und seiner deutschen Lieblingsband …

Mr. Urie, stimmt es, dass Ihre Karriere mit dem Covern von Scorpions-Songs angefangen hat?
Das stimmt! Ich arbeitete im „Tropical Smoothie Café“ in Las Vegas. Die ersten zwei Monate wurde ich zum Geschirrspülen in der Küche verdonnert, weil man sehen wollte, ob ich arbeiten kann. Beim Spülen sang ich ständig. Irgendwann kam der Shop-Manager Tom auf mich zu und meinte: „Das ist nicht schlecht, du stehst ab sofort hinter der Theke.“ Er mochte Stadion-Rock. Also unterhielt ich die Kundschaft mit „Rock You Like A Hurricane“ und „Wind Of Change“. Es war meine erste öffentliche Performance vor Leuten, die ich nicht persönlich kannte.

Haben Sie zu „Wind Of Change“ auch gepfiffen?
Nein, soweit kam es nie. Ich stieg immer gleich mit dem Refrain ein, denn es blieben mir nur 15 Sekunden, den Smoothie zu übergeben. Oft kamen dieselben Kunden, und ich lernte sie kennen wie Freunde. Eine Frau bat mich immer, Songs von Journey und Mötley Crüe zu singen – das ist das Zeug, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich wurde zur fleischgewordenen Jukebox. Aber es bedeutete auch gutes Trinkgeld. Einmal kam Michael McDonald von den Doobie Brothers in den Laden und wünschte sich seinen Hit „What A Fool Believes“. Das war ein großer Spaß!

Im Alter von 17 Jahren schlossen Sie sich dann Panic! At The Disco an, die damals noch eine Blink-182-Coverband waren.
Eigentlich sollte ich nur für zwei Shows als Ersatz-Gitarrist einspringen, weil der eigentliche Gitarrist verhindert war. Doch dann machten sie mich zum Sänger. Was erstaunlich war, denn ich hatte wirklich null Selbstbewusstsein.

Brendon Urie von "Panic! At The Disco" über das neue Album

Foto: Shervin Lainez

Sie wuchsen als Sohn einer Mormonen-Familie in Las Vegas auf. Hatten Ihre Eltern kein Problem mit Ihren Musiker-Ambitionen?
Meine Eltern haben mich immer am meisten unterstützt! Meiner Mutter machte allerdings zu schaffen, dass ich mit 17 der Religion den Rücken zukehrte. Aber ständig der Kirche zu dienen und in einer Band zu sein, ließ sich auch nicht vereinbaren. Und die Kirchen-Mentalität, dass man immer starker Kritik ausgesetzt war und kleiner gemacht wurde, als man ist, misssfiel mir. Trotzdem bin ich dankbar für die Zeit.

Inwiefern?
Dass ich mitfühlend, hilfsbereit und generell ein Menschenfreund bin, habe ich auch dem Glauben zu verdanken. Diese Werte halte ich immer noch hoch. Ich mag den Gemeinschaftssinn der Mormonen. Es gehört dazu, gemeinnützige Arbeit zu verrichten. Ich erinnere mich daran, wie ich im Alter von acht Jahren in das Haus unserer Nachbarin geschickt wurde, um ihr zu helfen. Ich war erst sauer. Aber als ich wieder nach Hause kam, war ich doch beglückt, der 80-jährigen Dame unter die Arme gegriffen zu haben. Sie hätte nicht das Geld gehabt, sich professionelle Hilfe zu holen. Es hat mich die Lektion gelehrt, dass es schön ist, Liebe zu geben und sich um andere zu kümmern.

Aber der Religion haben Sie ganz abgeschworen?
Damit hab ich nicht mehr viel am Hut. Ich habe das Gefühl, dass Panic! At The Disco für die Fans wie eine Religion sind, und ich glaube dann auch lieber daran. Das ist also meine neue Religion. Und die ist unglaublich schön und erleuchtend!

Haben Sie schon als Kind musiziert?
Ja, und das sind die besten Erinnerungen! Als ich fünf war, ermutige mich meine Mutter dazu, Instrumente zu erlernen. Aber eigentlich war das selbstverständlich in unserem Haushalt. Musik war immer um mich. Mein Dad spielte Gitarre, und wir standen alle um das Klavier herum, während meine Mutter darauf spielte. Wir sangen dann Weihnachtslieder, Stücke von Frank Sinatra oder eben Lieder der Kirche. Wir zelebrierten das richtig. Nun meine eigene Musik zu haben und eine Stimme für andere Leute zu sein, ist umso verrückter für mich.

Verrückt ist auch, dass von den 2004 gegründeten Panic! At The Disco heute nur noch Sie übrig sind!
Ja, und alle denken: Brendon Urie muss ein echt schwieriger Typ sein! Dabei liegt es gar nicht an mir. Als wir anfingen, war unser Band-Kredo: „Wir werden für immer zusammen bleiben, wie die Stones – vier Typen, die bis 70 touren.“ Das wäre toll gewesen. Aber alle haben die Band verlassen, weil sie es nicht länger tun wollten. Für mich indes stellte sich nie die Frage, ob ich weitermachen werde.

Brendon Urie von "Panic! At The Disco" über das neue Album

Foto: Warner Music

Haben Sie heute ein anderes Selbstverständnis?
Schon. Panic! At The Disco ist heute meine Band. Diese und die letzte Platte sind wie eine verbesserte Version von dem, was ich sagen will. Sie sind ehrlicher und autobiografischer. Wichtig ist mir auch, dass ich mich von Leuten umgebe, die keine Ja-Sager sind oder mein Ego aufblähen.

Hatten Sie dennoch Zweifel, ob Sie weitermachen können?
Absolut! Selbstzweifel gehören zum Künstlerdasein dazu. Da war der große Hype am Anfang der Band, und dann kam die Ungewissheit. Ich wusste nicht, wer mich akzeptieren würde. Es hätte nach dem Ausstieg von Spencer Smith im Jahr 2015 auch meine letzte Platte sein können. Aber ich habe daraus gelernt: Wenn ich ein Album mache, darf ich nicht darüber nachdenken, was danach kommt. Oder über die Meinung anderer Leute. Denn das zerstört die Kreativität.

Für Ihr Gastspiel bei „Kinky Boots“ am New Yorker Broadway im Sommer 2017 mussten Sie in High-Heels-Stiefeln rumlaufen. Ist Ihnen das schwer gefallen?
Das war die leichteste Übung! Es fühlte sich richtig und großartig an. Ich bin schon vorher oft wie eine Drag-Queen rumgelaufen. Ich habe hochhackige Schuhe ausprobiert und trage die Klamotten meiner Frau. Warum auch nicht? Wie viel weiß man über sich selbst, bevor man das ausprobiert hat? Und warum Angst haben vor einer Welt, die man nicht ganz versteht? Ich hatte schon als Fünfjähriger eine Schachtel mit Verkleidungsutensilien. Entertainment war immer wichtig in unserer Familie. Wir entertainten uns gegenseitig, indem wir etwas aufführten.

In Deutschland haben besonders Männer gerne Vorurteile gegenüber hübschen Typen, die in Musicals singen.
So nach dem Motto: Das hat keine Kredibilität – als Mann musst du Rock machen und hart sein? So was kommt doch meist von verängstigten Männern. Aber das spornt mich nur an! Ich liebe die Tatsache, dass ich solchen Typen Angst einjage, auch wenn sie mich für eine kleine Pussy halten. Im Zweifel trinke ich euch unter den Tisch, Motherfuckers! (lacht)

Achtziger-Popstar Cyndi Lauper hat die Musik für „Kinky Boots“ geschrieben. Haben Sie sie getroffen?
Klar, das erste Mal, als ich sie traf, hatten wir Brunch zusammen. Ich war wie üblich zehn bis 15 Minuten zu früh da und saß schon am Tisch, als sie reinkam. Sie hatte so ein breites Grinsen auf dem Gesicht, dass wir uns gleich in die Arme gefallen sind. Ich war so dankbar, sie in dem Kontext zu treffen und nicht auf einem Business-Termin. Meine Mutter platzte vor Neid. Ich sprach mit Cyndi viel über Persönliches. Und sie meinte: „Stimmlich wirst du keine Probleme haben. Aber dein Charakter Charlie Price ist eine unsichere Person, dass bis du nicht, daran musst du arbeiten!“ Ich fühlte mich dadurch nicht angegriffen. Ich hatte eher das Gefühl, dass ich der Show etwas geben könnte, was vorher nicht da war. Sie kam zu meiner Premiere.

Hat die Musical-Erfahrung auch Ihr neues Album beeinflusst?
Oh ja, auf so viele Arten – besonders aber, was den Gesang betrifft! Cyndi Lauper, die die Musik dafür geschrieben hat, hat mir ihre Gesangslehrerin geborgt, die mir die unglaublichsten Übungen mit der Zunge verraten hat. Ich benutze auf der Platte meine Stimme, wie ich es nie zuvor getan habe. Und wenn ich an die künftigen Liveshows von Panic! At The Disco denke, werden die auch sehr viele Broadway-Elemente enthalten – ich tüftle seit acht Monaten daran rum. Die Auftritte im Musical haben mich außerdem gelehrt, dass man sich, wenn man Angst vor etwas hat, mit voller Wucht hineingeben muss. Am Ende wirst du immer belohnt für deinen Mut.

Das Album: „Panic! At The Disco – Pray For The Wicked“ ist am Freitag erschienen.

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