Was wurde eigentlich aus t.A.T.u.?

Was wurde eigentlich aus t.A.T.u.?

imago images / Mary Evans

19.01.2021 21:15 Uhr

Anfang der 2000er landete das russische Girlie Duo t.A.T.u. mit "All the Things She Said" nicht nur einen internationalen Hit, sondern auch gleich noch einen handfesten Skandal, der in die russischen Pop-Geschichtsbücher eingehen dürfte ...

Von 1999 an präsentierten sich die beiden Russinnen Jelena Katina und Julija Wolkowa als angebliche „Lolita-Lesben“. In extrem knappen Schulmädchen-Uniformen küssten sich die beiden Teenager bei Auftritten und in Videos und gaben vor ein Paar zu sein.

Der Bandname t.A.T.u., der freiübersetzt etwa so viel wie „Sie liebt sie“ bedeutet, sollte das provokant lesbische Image des Duos weiter unterstreichen. Ein wahrer Skandal in der sonst eher biederen Popwelt der damaligen Zeit. So protestierten weltweit konservative Elternverbände und homophobe Gruppierungen gegen Auftritte des Duos und riefen zum Boykott ihrer Musik auf.

Ein handfester Skandal

Allerdings ließen sich weder Fans noch Medien von den Rufen dieser eingeschränkten Personen beeindrucken und der weltweite Siegeszug von t.A.T.u. ging ungehindert weiter. Nach ihrem größten Hit „All the Things She Said“ 2002 folgten mit „Not Gonna Get Us“ und „All About Us“ weitere Hits, die weltweit die Charts stürmten. Insgesamt konnten die beiden Russinnen 27 Millionen Tonträger verkaufen und gilt damit als die erfolgreichste Gruppe der russischen Musikgeschichte.

Über ihr Lesben-Image, mit dem das Duo demonstrativ spielte, sagte Julija 2003 im Interview mit BBC Radio 1: „Wir wollen die Menschen nicht dazu bringen, unserem Beispiel zu folgen, weil es besser ist. Wir zeigen nur, dass dies [das] Leben ist und unser Verhalten nichts Seltsames. Es ist kein Wunder, es ist nur das Leben. Wir denken, dass jeder einen Grund hat, und jeder sollte für sich selbst entscheiden, was zu tun ist und was nicht.“

Die Angst vor lesbischen Küssen

Dennoch schienen sich viele vor den lesbischen Küssen von t.A.T.u. zu fürchten: So erwarteten die Macher des Eurovision Song Contest 2003 einen großen Skandal, als Russland die Mädels als Kandidatinnen zum Wettbewerb schickte. Es wurde befürchtet, dass sich Jelena und Julija möglicherweise auf der Bühne küssen könnten. Für diesen Fall kündigte die ESC-Leitung an, die Liveübertragung zu unterbrechen und Videomaterial der Generalproben einzuspielen.

Bis 2011 waren t.A.T.u. mehr oder weniger aktiv, bis sie sich nach zwölf Jahren dann final trennten. Etwa drei Jahre später gab es eine kurze Wiedervereinigung ohne nennenswerte Ereignisse. Doch was wurde aus den beiden Sängerinnen, bei denen sich im Nachhinein herausstellte, dass sie gar nicht lesbisch waren, sondern sich lediglich nur küssten, um zu provozieren?

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Julija Wolkowa

Mit ihrer Schwangerschaft 2004 wurden bereits erste Fragen laut, ob die t.A.T.u.-Sängerinnen denn tatsächlich auf Frauen stehen oder – wie viele vermuteten – nur provozieren wollten. Schon während der Bandzeit versuchte sich Julija mit einer Solo-Karriere, die allerdings nur wirklich an alte t.A.T.u.-Erfolge anknüpfen konnte. Allerdings sorgte die heute 35-Jährige mehr mit ihrer optischen Veränderung für Schlagzeilen als mit ihrer Musik. So war der burschikose Look, der lange als ihr Markenzeichen galt, langen Haaren, vollen Lippen und einer schmaler wirkenden Nase gewichen. Die Gute ist kaum wiederzuerkennen!

Außerdem sorgte die zweifache Mutter mit homophoben Aussagen für einen weiteren Skandal. So erklärte Wolkowa 2014 im ukrainischen Fernsehen, dass sie einen schwulen Sohn nicht akzeptieren könne, denn „ein Mann muss ein Mann bleiben.[…] Gott hat den Mann für die Fortpflanzung geschaffen, so ist die Natur.“ Allerdings fände sie Homosexualität bei Frauen ästhetisch und akzeptabel.

2016 verriet die Russin, dass sie 2012 eine Schilddrüsenkrebs-Diagnose erhalten habe und die vier Jahre lang geheim gehalten habe. Bei der Entfernung des Tumors seien ihre Stimmbänder beschädigt worden, weshalb sie angeblich lange weder richtig sprechen noch singen konnte. Erst nach drei Operationen habe man ihre Stimme teilweise wiederherstellen können. Aktuell lebt Julija Wolkowa mit ihren zwei Kindern in Moskow.

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Jelena Katina

Auch Jelena Sergejewna Katina versuchte sich mit einer Solo-Karriere und konnte sich im Vergleich zu ihrer Bandkollegin auch im Alleingang durchsetzen. So wurde 2011 ihr eigentlich geleaktes Video zu „Never Forget“ von den Fans im Zuschauervoting auf MTV Russland zum besten Musikvideo des Jahres gewählt. Mit ihren neuen Dance-Sound gelang es ihr gleich in mehreren Ländern in die Charts zu kommen – inklusive den US-Charts. Das hatte vor ihr bisher noch kein Act aus Russland geschafft.

Nachdem Jelena im Mai 2015 Mutter eines Sohnes wurde, zog sie sich für zwei Jahre aus der Öffentlichkeit zurück, um sich voll und ganz auf ihre neue Mutter-Rolle zu konzentrieren. Über die Jahre konnte der hübsche Rotschopf mehr als 20 Singles auf Englisch und Russisch veröffentlichen und nahm sogar ein Album auf Spanisch auf.

Im Vergleich zu Julija sorgte die mittlerweile 36-Jährige für ausgesprochen wenig Skandale. Allerdings wird Jelena regelmäßig von der russisch-orthodoxen Kirche kritisiert, weil sie sich öffentlich für die Rechte von Homosexuellen ausspricht. Privat ist Katina verheiratet und lebt mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn in Moskau. (DA)