Faszination „True Crime“: Von unserer Lust auf Angst und Grusel

Faszination "True Crime": Von unserer Lust auf Angst und Grusel
Faszination "True Crime": Von unserer Lust auf Angst und Grusel

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26.09.2021 20:45 Uhr

Das neue Genre True Crime hat in den letzten Jahren sämtliche Medienkanäle erobert. Das Konzept, reale Verbrechen dokumentarisch nachzuerzählen, ist nicht mehr wegzudenken und der Erfolg entsprechender Formate kanalunabhängig.

Sehen, hören, lesen – True Crime hat sämtliche Medienkanäle erobert. Das Konzept, reale Verbrechen dokumentarisch nachzuerzählen, ist nicht mehr wegzudenken und der Erfolg entsprechender Formate kanalunabhängig.

Immer mehr Formate im Streaming und bei Podcasts

Im TV- und Printbereich ist True Crime etabliert, die Angebote im Streaming und bei Podcast nehmen stetig zu. Neue investigative Formate sorgen für starke Impulse und Nachschub und reihen sich neben den „Klassikern“ wie „Aktenzeichen xy“ ein. Beispielsweise begeistert im TV die Dokureihe „Anwälte der Toten“ bereits seit 12 Staffeln das Publikum, „Medical Detectives“ seit 15 Staffeln – und das sowohl in der Primetime als auch im Nachtprogramm.

2015 ist das Print-Magazin „Stern Crime“ gestartet, das beste Beispiel für eine Print-Erfolgsgeschichte im Bereich True Crime. Das Magazin erfreut sich einer wachsenden Fan-Gemeinde, stetig steigenden Abonnements und wurde bereits mehrfach für seine herausragenden Texte und Bildsprache ausgezeichnet. Schnell zog auch „Die Zeit“ 2018 mit ihrem Magazin „ZEIT Verbrechen“ nach. Und 2020 brachte auch der Münchener „Focus“ mit „Echte Verbrechen“ ein eigenes True-Crime-Magazin auf den Markt.

Schaudern, zittern, aufatmen, lernen: Faszination True Crime

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Von Neugierde bis zum Gruseln

Das Data- und Research Competence Center von RTL Deutschland und Gruner + Jahr hat untersucht, was die Anziehungskraft realer Verbrechen ausmacht. Um dem Phänomen auf den Grund zu gehen, wurden für diese Studie vier Gruppendiskussionen geführt und die daraus entstandenen qualitativen Ergebnisse mit einer Online-Befragung quantifiziert.

Das Kernergebnis: True Crime erfüllt die unterschiedlichsten psychologischen Bedürfnisse – angefangen bei der Neugierde und dem Gruseln bis hin zum Verstehen wollen, warum die einen zu Kriminellen und die anderen zu Opfern werden. Egal ob Mann oder Frau, jung oder alt – die Faszination des Bösen ist offensichtlich geschlechtsneutral und alterslos.

Die Anziehungskraft, die True Crime-Geschichten ausüben, geht bis zum weltbekannten Dirnenmörder des 19. Jahrhunderts zurück und ist bis heute ungebrochen. Zurecht stellt sich die Frage: Warum Krimis lesen oder schauen, wenn die Realität die schaurigsten Verbrechen bietet? Der Realitätsbezug ist laut der Untersuchung hauptsächliche Nutzungsmotivation und herausragendes Alleinstellungsmerkmal und sorgt dafür, dass Nutzende ungewöhnlich stark involviert sind.

Schaudern, zittern, aufatmen, lernen: Faszination True Crime
Wie wird ein Mensch zum Mörder?

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Die meisten konsumieren True Crime ohne Nebenbeschäftigung

True-Crime-Inhalte werden dementsprechend fokussiert genutzt: Knapp drei Viertel (70%) der Befragten geben Nebenbeschäftigungen keinen Raum und konzentrieren sich ausschließlich auf das Geschehen. 60 Prozent konsumieren in der Regel allein, für 37 Prozent ist es akzeptabel, gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin zuzuschauen, zu lesen oder zuzuhören. Was True Crime nicht ist: familientauglich.

Die aufwühlenden Geschichten lassen einen oftmals nicht los, beschäftigt die Befragten noch eine ganze Weile und sorgen im Umkehrschluss dafür, dass über die Hälfte (53%) mit Freunden und Bekannten über das Gesehene, Gelesene oder Gehörte sprechen wollen. Dabei geht es aber nicht per se um Sensationslust, sondern vielmehr um das, was dahintersteckt, um die Beweggründe. Die Nutzer möchten verstehen, was in der Psyche eines solchen Menschen vorgeht und was die Hintergründe ihres Handelns sind. Die Frage nach dem Warum ist somit für mehr als 80 Prozent das stärkste Nutzungsmotiv.

Befriedigung der Angstlust

Auf der anderen Seite wird genauso die Angstlust befriedigt. Es wirkt wie ein Adrenalinkick, ohne die eigene heile Welt bedroht zu wissen oder verlassen zu müssen. Neben dem Nervenkitzel am Abend (72%) sehen mehr als die Hälfte (66%) darin eine Art „Illustrierung“, welche Gefahren „draußen“ lauern und wie man sich schützen kann. Bei allem emotionalen Involvement haben diese Geschichten auch einen beruhigenden Faktor, da es immer einen „guten Ausgang“ gibt in dem Sinne, dass „das Böse“ zur Rechenschaft gezogen wird (83%). Bis zur Rechtsprechung nimmt die Mehrheit (86%) die Position als Ermittler ein und rätselt mit. Nicht verwunderlich, denn die Machart dieser Formate ist ein Konglomerat aus Information und Unterhaltung. Nutzende erfahren etwas über den Täter oder die Täterin, über Historie und Hintergründe und das mithilfe verschiedener Stilmittel: Experteninterviews, Ermittler- oder Zeugenaussagen, nachgestellte oder kommentierte Szenen oder mittels vertiefender Einblicke in wissenschaftliche Methoden der Kriminalitätsaufklärung.

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Bei True-Crime-Serien wird es meist blutig

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Das Genre True Crime steht für Qualität

Geschichten über wahre Verbrechen jagen den Zuschauern, Zuhörern und Lesern nicht selten einen Schauer über den Rücken. Gleichzeitig steht das Genre für Hochwertigkeit und Anspruch hinsichtlich Machart und Komplexität. Die sehr oft vielschichtigen und verworrenen Fälle werden intensiv recherchiert und mit Ernsthaftigkeit umgesetzt, egal für welchen Medienkanal und ob global oder lokal.

Es gibt viele spektakuläre Fälle aus dem Ausland, wie zum Beispiel zuletzt den Mord an der schwedischen Journalistin Kim Wall, der als fiktionale Crime-Doku-Serie „The Investigation“ für TVNow aufgearbeitet wurde. Nicht weniger aufsehenerregende Fälle gibt es im eigenen Land. Diese haben einen noch stärkeren Realitätsbezug und daher gute Chancen auf einen festen Platz im Relevant Set der True Crime Fans. Hierzu zählt beispielsweise der Fall Martin Ney, bekannt als „Der Maskenmann“. Die gleichnamige mehrteilige Dokumentation ist eine gemeinsame Serie von TVNOW/RTL+ und „Stern Crime“. Das Magazin ist Grundlage und Inspirationsquelle für die TV-Produktion.

Fazit

Egal ob Bewegtbild, Tonspur oder in gedruckter Form, die zentralen Gründe zur Entscheidung für True Crime sind: Wissensvermittlung, Vermeidungsstrategie und das Erleben des gesamten Gefühlsspektrums.

Wissensvermittlung, weil das Miträtseln und das Verfolgen, wie vielen Teilstücke eines Falles zu einem Bild zusammengesetzt werden, viel über die menschliche Psyche, die Verbrechensaufklärung sowie über die Funktionsweise unseres Rechtssystems vermittelt. Dieses „angesammelte“ Wissen sorgt vor allem bei Frauen dafür, gewisse Vermeidungsstrategien zu entwickeln, um selbst erst gar nicht in solche gefährlichen Situationen zu geraten. Gleichzeitig bedient True Crime das gesamte Gefühlsspektrum: Neben der Neugier, mehr über ein reales Geschehen zu erfahren, hat man Mitgefühl mit den Opfern, empfindet Empörung über die Tat, Wut auf die Täter, Nervenkitzel bei der Ermittlung und letztlich Erleichterung bei der Auflösung und wenn Recht gesprochen wird.

Hintergrund

Grundlage für die Studie „Das Genre True Crime“ waren vier Gruppendiskussionen, die von den Medienforschern der DATA Alliance im April 2021 remote durchgeführt wurden. Die qualitativen Ergebnisse wurden durch eine mobile Panelbefragung im „I love MyMedia“-Panel quantifiziert. Befragt wurden insgesamt 449 Personen im Alter von 18 bis 59 Jahren, die True Crime-Angebote nutzen.

Quelle: Data Alliance