Briten-Popstar Sophie Ellis-Bextor über ihr Album „Kitchen Disco“

Paul VerhobenPaul Verhoben | 27.12.2020, 19:45 Uhr
Briten-Popstar Sophie Ellis-Bextor über ihr Album "Kitchen Disco"
Briten-Popstar Sophie Ellis-Bextor über ihr Album "Kitchen Disco"

© Essential Music/ Sony Music

In Teil 2 unseres Zoom-Interviews mit der britischen Sängerin und Fünffach-Mutter Sophie Ellis-Bextor erzählt sie klatsch-tratsch.de-Starreporterin Katja Schwemmers, wieso sie ihrer berühmten Mutter nacheifert, warum sie in leeren Konzerthallen auftritt, und wie Disco zum Genre der Krise wurde.

Auch Kylie Minogue, Melanie C und Dua Lipa brachten dieses Jahr Disco-Alben heraus. Ist Disco das Genre der Pandemie?

Ich weiß nicht, ob ihre Alben auch als Reaktion auf Corona entstanden sind. Aber was sich sehr früh abzeichnete in der Krise: Zu ernsthafte Auftritte waren nicht wirklich das, was die Leute im Lockdown sehen wollten. Wer wendet sich schon Musik zu, um sich in Traurigkeit zu sudeln, wenn sich die Welt eh schon heavy anfühlt? Man will sich doch besser fühlen. „Kitchen Disco“ ist zwar kein reines Disco-Album, denn ich habe auch andere Songs untergemischt. Aber als Genre, das in der Gegenkultur seinen Anfang nahm und von den Schwulenclubs in New York aus die Welt eroberte, stand Disco-Musik schon immer für einen Ort der Umsicht und Emotionalität.

Hier geht’s zu Teil 1 des Interviews

Briten-Popstar Sophie Ellis-Bextor über ihr Album "Kitchen Disco"

Essential Music/ Sony Music

Wie meinen Sie das?

Disco hat diese Art von Katharsis. Ein Disco-Song kann einen herzzerreißenden Text haben, während der Sound total euphorisch klingt. Wenn du solch einem Song lauscht, ist es so, als hätten sie dein Herz in die Mitte der Tanzfläche gelegt. Und das ist doch ein ziemlich cooler Platz, den du einnehmen kannst, obwohl du eigentlich die ganze Zeit Zuhause festhängst. Disco, Dance und Positivität können uns also durch die Welle tragen. Und in einigen Jahren werden wir dann erleben, dass heftigste Musik veröffentlicht wird, weil die Menschen das alles verarbeiten. Ich selbst will allerdings gar nicht wissen, was sich auf Lockdown reimt. Von mir wird es keine Lieder über den Lockdown geben.

Sie haben eine Coverversion von „Crying At The Discotheque“ veröffentlicht. Für das dazugehörige Video performten sie in sieben verwaisten Konzerthallen in London, um auf den Stillstand in der Kultur aufmerksam zu machen. Hat Sie das emotional mitgenommen?

Vom Kopf her bin ich ziemlich nüchtern an die Sache herangegangen. Denn es war so schwierig, im Vorwege alle Betreiber zu überzeugen, die Route festzulegen und das alles logisch an einem einzigen Drehtag hinzubekommen. Die Geschichte des Videos wäre nicht richtig erzählt, wenn wir nicht vom kleinen Club wie dem „Heaven“ bis zur „O2 Arena“ die ganze Bandbreite gezeigt hätten. Wir waren nirgends länger als eine Stunde, und es war eine ziemliche Hast. Erst zwei Tage später kamen dann die trüben, finsteren Gedanken. Ich musste an die besonderen Dinge denken, die für junge Bands und Künstler nur passieren können, wenn Menschen gemeinsam Musik hören und erleben können. Ich spürte eine große Lücke durch die Dinge, die normalerweise einfach da sind. Wie soll neue Musik erfolgreich werden, wenn niemand Assoziationen daran knüpfen kann?

Sie sorgen sich besonders um den musikalischen Nachwuchs?

Ja. Für einige Hoffnungsträger muss es frustrierend sein. Es wird junge Künstler geben, die dieses Jahr etwas geplant hatten, dass zu einer erfolgreichen Karriere in der Musik geführt hätte. Aber weil sie das Zeitfenster nun verpasst haben, wird es die Richtung ihres Lebens verändern. Sie selbst werden es nie wissen, niemand wird es jemals wissen, wer diese Künstler sind. Aber so wird es sein.

Gehen Sie viel aus, wenn nicht gerade Pandemie ist?

Nicht mehr. Aber ich lebe immer noch in London und liebe es, die Gewissheit zu haben, dass da draußen das Leben tobt. Es wird irgendwann zurückkommen.

Sie selbst haben sich in der Corona-Krise ein Stück weit neu erfunden, oder?

Sagen wir so: Da ich gerade nicht mein nächstes Alben fertigstellen und auf Tour gehen kann, habe ich mir ein paar Möglichkeiten kreiert, die für Wohlbefinden in meinem Kopf sorgen: meine Podcast-Reihe „Spinning Plates“ über berufstätige Mütter zum Beispiel.

Es soll Frauen geben, die sich angegriffen fühlen, wenn man sie danach fragt, wie Sie Job und Familie unter einen Hut kriegen. Weil Männer das nun mal nie gefragt werden.

Es geht mir gar nicht um ein Statement. Ich wollte mit anderen arbeitenden Müttern sprechen, weil ich selbst eine arbeitende Mutter bin. Es geht um die Persönlichkeit und die Dinge, die durch eine Mutterschaft manchmal aus dem Fokus geraten. Wir reden darüber, wie man sich als Mutter selbst treu bleibt, sich wie sich selbst fühlt und dafür auch mal egoistisch sein muss. Wenn mein Mann Richard als berufstätiger Vater seinen eigenen Podcast haben will, geht das für mich aber auch in Ordnung.

Für eine Episode luden Sie Ihre Mutter ein, die eine bekannte TV-Moderatorin in Großbritannien ist. Haben Sie etwas Neues über sie erfahren?

Oh ja! Meine Mutter hat sich nie für ihren Wunsch entschuldigt, arbeiten zu gehen und ihr eigenes Ding zu machen. Ich sah diesbezüglich nie einen Riss in ihrer Rüstung. Was ich immer sehr mochte, denn als Kind gab mir ihre klare Haltung Sicherheit. Sie meinte einfach nur: „Ich gehe jetzt zur Arbeit.“ Und dann kam sie eine Zeit lang nicht nach Hause. Ich muss eher selten ermutigt werden. Aber sie hat mich auf jeden Fall ermutigt, es wie sie zu handhaben. Doch im Podcast offenbarte mir meine Mutter, dass sie sich durchaus manchmal schuldig gefühlt hat. Wir sprachen über die drei Jahre, in denen sie eine alleinerziehende Mutter für mich war. Ich hatte diese Zeit schon fast vergessen. Aber es erinnerte mich daran, wie prägend diese Zeit für unsere Beziehung gewesen ist.

In einem Interview von 2014 sagten Sie, Mutter zu sein hätte Ihre Karriere nicht behindert, sondern Ihnen geholfen. Würden Sie das heute nach fünf Kindern immer noch sagen?

Eine Mutterschaft zu durchleben, ist so eine große Sache – zumindest war sie das für mich. Aber es ist für jeden etwas anders. Mich hat es unglaublich geformt. Als ich Sonny bekam, meinen Ältesten, der jetzt 16 ist, hatte ich gerade mein zweites Album rausgebracht. Es war außergewöhnlich für mich, dass plötzlich diese neue Person in meinem Leben war, die gleichzeitig zur wichtigsten Person wurde und die bei all dem, womit mich Leute in Verbindung bringen, bei all den Songs, die ich gemacht habe, gar nicht dabei war. „Murder On The Dancefloor“ war plötzlich der Schnee von gestern, denn Sonny war zu der Zeit ja nicht mal existiert. Es war gut, um mein Ego im Zaum zu halten. Und es verschaffte mir Klarheit im Job.

Briten-Popstar Sophie Ellis-Bextor über ihr Album "Kitchen Disco"

© Essential Music/ Sony Music

Inwiefern?

Es verbesserte und veränderte meinen Fokus. Ich musste mich fragen: „Wie will ich weitermachen?“ Es ließ mich härter arbeiten, und es sorgte dafür, es mir nie zu bequem zu machen. Das war sehr gesund. Und jedes Mal, wenn ein weiteres Kind kommt, sage ich mir: „Blick nach vorne – was mache ich als nächstes? Wie schaffe ich es, dass ich mich weiterhin wie ich fühle, während ich meine Kinder großziehe?“ Ich kriege es nicht immer hin, aber es hat mir geholfen. Lustigerweise konnte ich auch noch um einiges höher singen, nachdem ich Kinder bekam. Was anscheinend ungewöhnlich ist, aber so war’s.

Haben Sie mit dem Kinderkriegen weitergemacht in der Hoffnung, noch ein Mädchen zu bekommen?

Oh nein. Ich würde es hassen, wenn einer meiner Jungs denken würde, er wäre nur geboren, weil ich hoffte, dass er jemand anderes wäre. Ich habe die Kinder bekommen, die für mich bestimmt waren. So sehe ich das.

Immerhin hat 2020 mit der Abwahl von Trump und der Zulassung des Impfstoffes am Ende doch noch etwas aufgeholt.

Der Impfstoff ist eine unglaubliche Entwicklung – und das, was der twitternde Trump da gerade aufführt, ist unfassbares Theater. Es ist alles ziemlich verrückt, wenn man länger darüber nachdenkt. Es sind in jeder Hinsicht außergewöhnliche und krasse Zeiten.

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Gibt es eine dritte Sache, die Sie sich wünschen würden?

Dass der Brexit nicht passiert. Aber das Kind ist unabänderlich in den Brunnen gefallen. Ansonsten klinge ich vermutlich sentimental, wenn ich mir wünschen würde, dass Menschen realisieren, wie wichtig Gemeinschaft ist. Ich hätte die Pandemie allerdings nicht gebraucht, um zu wissen, wie gerne ich meine Freunde sehe.

Wie werden Sie das Jahr abschließen?

Mit durchaus positiven Gefühlen. Für die Kinder werden wir – egal, wie die Regeln gerade sind – die Stimmung oben halten. Wir haben normalerweise unsere ganze Familie hier. Meine Mutter lebt nur zehn Minuten weg von mir, und ich hoffe, ich kann sie, meinen Bruder und meine Schwester bei uns im Haus haben. Nach 2020 wollen wir alle nichts lieber, als unsere Verwandten in die Arme schließen, oder?

Album: Sophie Ellis-Bextor „Songs from The Kitchen Disco – Greatest Hits“ (Essential Music/ Sony Music)