Das Phänomen Jan Böhmermann: Nerviges Twitter-Gewitter oder genialer Provokateur?

Redaktion KuTRedaktion KuT | 07.01.2022, 16:40 Uhr
Fernsehen, Radio, Twitter Medien-Virtuose Jan Böhmermann
Fernsehen, Radio, Twitter Medien-Virtuose Jan Böhmermann

IMAGO / APress

Jan Böhmermann hat sich vom Spaßmacher aus der Digitalsparte zur polarisierendsten Figur der deutschen Medienlandschaft gemausert. Dabei feuert er seine sozialkritische Satire auf sämtlichen Kanälen ab: Fernsehen, YouTube, Radio und vor allem auch Twitter.

Jan Böhmermann (40) wird für seine spitzzüngige und meist gut recherchierte, aufklärerische Satire von vielen gefeiert, aber auch von vielen gehasst, die ihm vorwerfen, es ginge ihm nur um Aufmerksamkeit und Selbstprofilierung. Wir werfen einen eingehenderen Blick auf den selbst ernannten Fernsehclown.

Das Phänomen Böhmermann: Ikone und Hassfigur

Böhmermann versteht es, sich zu inszenieren und durch gezielte Provokationen bei Fans und Feinden heftige Reaktionen hervorzurufen. Ob er nun als POL1Z1STENS0HN die deutsche Rap-Szene aufmischt, Markus Lanz (52) bei einer Podiumsdiskussion wegen dessen Gästen Hendrik Streeck und Alexander Kekulé angeht oder seine eigenen Formate durchzieht.

Dabei nimmt er sich selbst nicht allzu ernst und bezeichnet sich immer wieder als „unseriös“ und „Clown“. Für seine Anhänger ist er aber jemand, der Missstände aufzeigt und entlarvt. Damit macht man sich nicht überall Freunde und vielleicht ist Jan Böhmermann ja der Beweis dafür, dass eine alte Weisheit von Kurt Tucholsky bis heute nichts an ihrer Wahrheit eingebüßt hat: „In Deutschland gilt derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.“

Jan Böhmermann, leidenschaftlich geliebt und gehasst

IMAGO / STAR-MEDIA

Wie man sich bei der konservativen Presse unbeliebt macht

So entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn ausgerechnet Ex-„Bild“-Chef Julian Reichelt Böhmermann politische Propaganda vorwirft. Dabei haben weder Satire noch die Privatperson Böhmermann den Anspruch, objektiv zu sein, Journalismus hingegen schon.

Für die konservative Presse wird man natürlich rasch zum Feindbild, wenn man sich medienwirksam und durchaus gründlich und journalistisch sauber für eher „linke“ Themen einsetzt oder auch den Chefredakteur von „Die Welt“ Ulf Poschardt parodiert und sich dabei vom Scheinwerferschatten ein Hitler-Bärtchen verpassen lässt.

Jan Böhmermann geht bei Twitter und Co. aufs Ganze

IMAGO / Nordphoto

Jan Böhmermann: Und was sagen die „Linken“?

Böhmermann ist am Ende eines: Überzeugungstäter, vermutlich der letzte aus dem politisch linken Spektrum, den wir in unseren Medien noch haben. Dass man sich in so einer Position auch an ganz anderen moralischen Grundsätzen messen lassen muss, bekam Böhmermann zu spüren, als ihm ein Tweet über Mark Zuckerberg unlängst auf die Füße fiel: „Mark Zuckerberg ist mit dem Verkauf von Daten zum fünfreichsten ,Mensch‘ der Welt geworden.“

Weil Zuckerberg (37) Jude ist, witterten einige hier Antisemitismus. Böhmermann löschte den Tweet bald darauf und entschuldigte sich, auch wenn er in Wahrheit wohl nicht einen Gedanken an Zuckerbergs Ethnie oder Religion verschwendet hatte, sondern auf den Zug seiner amerikanischen Kollegen aufspringen wollte, die den Facebook-Chef stets als „Roboter“ hinstellen.

Jan Böhmermann privat wie nie: Seine Frau, seine Kinder, sein Vermögen

Auf Twitter provoziert und unterhält Jan Böhmermann wie kein Zweiter

IMAGO / STPP

Böhmermanns Königsdisziplin: Twitter

Er macht Podcasts, er macht das „Neo Magazin Royale“ bzw. jetzt „ZDF Magazin Royale“ – und er twittert mehr als ein gewisser ehemaliger US-Präsident.

Auf Twitter hat „Böhmi“ 2,3 Millionen Follower. Das ist mehr Reichweite als die Spitzenkandidaten aller großen Parteien bei der Bundestagswahl 2021 zusammen hatten. Armin Laschet brachte es hier etwa auf gerade einmal 187.069 Follower.

Böhmermann ist also bei all seiner Kritik an Social Media, die allerdings meist der Datenkrake Facebook gilt, im Netz überaus aktiv.

Böhmermanns Historie auf Twitter und in anderen sozialen Medien

Böhmermann ist jemand, der weiß, wie wichtig es heute ist, in allen Medien stattzufinden, weshalb er nicht nur in Radio und TV, sondern auch im Netz überaus aktiv ist. Seit 2009 twitterte er munter, war auf Facebook und Co mit von der Partie.

2020 verschwanden dann seine alten Tweets, was wohl vor allem den Grund hatte, dass sie nun gedruckt und zwischen zwei Buchdeckel gepresst in „Gefolgt von niemandem, dem du folgst: Twitter-Tagebuch. 2009-2020“ erscheinen sollten.

Am 30. Oktober 2020 verschwanden dann plötzlich Böhmermanns sämtliche Social-Media-Kanäle (Facebook, Twitter, Instagram) und der blasse, dünne Junge meldete sich in bester Querdenker-Manier von Telegram aus. Natürlich verknüpfte Böhmermann hier nur Kritik an Telegram („Vielleicht wird das meine Alternative zu Facebook – die Plattform, wo früher die manipulierbaren Idioten saßen“) mit Promo für seine „neue“ Show „ZDF Magazin Royale“.

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Einige von Böhmermanns besten Tweets

„Heute haben die Gremien des @zdfmagazin getagt. Wir sind übereingekommen, dass wir, wer auch immer die nächste Regierung bildet, weiter an der kunstvollen Beschmähung, überparteilichen Verulkung und schamlosen Verhohnepiepelung sämtlicher politischer Akteur*innen festhalten.“

Das twitterte Böhmermann am 27. September 2021 Bezug nehmend auf die vorangegangene Bundestagswahl. Überhaupt war er rund um die Wahl sehr aktiv bei Twitter und kommentierte etwa das Triell am 19. September praktisch live mit Tweets wie:

„Ich würde an Armin Laschets Stelle nicht so oft auf Nordrhein-Westfalen verweisen. #Triell“

oder auch

„Für viele Menschen ist ein einziges Haus die einzige Altersvorsorge! NUR EIN EINZIGES HAUS? Was sind das nur für Menschen??? #Triell“

Aber nicht alles an diesem Tag war politisch:

„Ich und Fäkalsprache!?!? Was für ein verschissener, dummgelesener Hurensohnpimmel!“

Überhaupt nimmt Twitter-Böhmi sich selbst nicht allzu ernst:

„Trump, Erdogan, Putin, LePen, Orban: Ich weiß nicht, ob es möglich ist, bis 1.1.2018 NICHT gegen § 103 StGB zu verstoßen. @HiBTag #Bundestag

(28. April 2017)

Und wo wir schon bei Trump sind:

„Was, wenn Donald Trump gar kein politisches Mastermind und strategisches Genie ist, sondern nur ein ganz gewöhnlicher irrer Vollidiot?“

(8. Februar 2017)

Wobei nicht nur Donald Trump (75) eines von Böhmermanns liebsten Zielen war. Wie Zuschauer des „ZDF Magazin Royale“ wissen, hat er sich auch auf Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (35) eingeschossen und twittert mit einem Kurz-GIF darunter am 1. Oktober 2021:

„Die CDU braucht einen modernen, konservativen Anführer! Einen smarten Autokraten, der Medien im Griff hat, Justiz kontrolliert, in Partei und Amt durchregiert, der Hausdurchsuchungen oder Untersuchungsausschüsse kaltblütig wegmoderiert und bei allem gefällig und harmlos wirkt.“

Auf Union und Österreich hat Böhmermann es generell abgesehen und erwidert auf Andreas Scheuers Tweet „Die Österreicher machen’s. Also müssen wir es auch machen. #Obergrenze“ am 20. Januar 2016:

„@AndiScheuer Wenn uns Deutsche die Geschichte eines gelehrt hat, dann dass die Österreicher politisch immer die allergeilsten Ideen haben.“

Hiermit dürfte er sowohl auf Adolf Hitler anspielen als auch auf Franz Joseph I., der als österreichischer Kaiser 1914 nach Rücksprache mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II. den Ersten Weltkrieg vom Zaun brach.

Jan Böhmermann, seit Jahren im ZDF-Dauereinsatz - früher auch noch bartlos

IMAGO / sepp spiegl

Böhmermanns größte Coups und Provokationen

Wir sagen deshalb mal „Sendung“, weil sich Böhmermanns Late-Night-Show öfter umbenannt hat als Prince: „Neo Magazin“, „Neo Magazin Royale“ und nun „ZDF Magazin Royale“ – mit jedem Schritt weiter raus aus der Sparte gab es einen neuen Namen. Sollte es je zur richtigen, täglichen Late Night kommen, wird’s dann wohl das „Böhmermann Magazin Royale“.

„Böhmi“ und die große, weite Welt

Es ist aber schon komisch, dass ein Format, das zu Beginn als Digitalspartensendung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, auf internationaler Ebene Reaktionen provoziert.

So brachte es Varoufakis Stinkefinger natürlich auch in die griechische Presse. Das Gedicht über den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan erhielt aber nicht nur in der Türkei viel Aufmerksamkeit, sondern weltweit. So thematisierte John Oliver die Affäre auch in seiner Sendung in den USA.

Erdogan, der 1998 selbst mal wegen des Vortragens eines Gedichts zu zehn Monaten Haft verurteilt worden war, verklagte Böhmermann und stellte bekanntlich Antrag auf Strafverfolgung, dem die Bundeskanzlerin Angela Merkel stattgab.

Im Dezember 2020 löste Erdogan übrigens mit dem Vortragen eines Gedichts eine diplomatische Krise zwischen Türkei und Iran aus – Kommentar Böhmermanns auf Twitter: „Amateur!“.

Verklagt zu werden, scheint Böhmermann, der selbst bei Gericht als Schöffe tätig ist, mittlerweile fast schon Spaß zu machen – so sagte er an Prinz Georg Friedrich von Preußen gerichtet in seiner Sendung: „Ich wurde zwar schon von ’nem Fußballnationalspieler verklagt und ’nem Staatspräsidenten, aber ’ne königliche Hoheit hatt‘ ich noch nie.“ (Gemeint waren Lukas Podolski und Erdogan)

2016 reiste Böhmermann anlässlich der Präsidentschaftswahlen in die USA und griff danach ein Video seiner niederländischen Kollegen auf, um Late-Night-Shows weltweit zu dem Projekt „Every Second Counts“ zu vereinen.

Eine ähnliche Kooperation gelang ihm mit „United States of Europe“. Ferner schaffte Böhmermann 2017 etwas, wovon andere deutsche Moderatoren und Comedians nur träumen können: Er war Gast in einer US-amerikanischen Late-Night-Show, und zwar bei „Late Night“ mit Seth Meyers.

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Andere Geniestreiche aus dem Studio König

Während aktuelle Ausgaben des „ZDF Magazin Royale“ meist im Stile John Olivers ein Thema herausgreifen und problematisieren, war das „Neo Magazin Royale“ für seine aufsehenerregenden Aktionen berüchtigt.

Einmal mietete Böhmermanns Team eine Wohnung an und engagierte zwei Schauspieler, um ihren eigenen Kandidaten bei „Schwiegertochter gesucht“ einzuschleusen und die fragwürdigen Methoden von RTL zu entlarven.

„Fest und Flauschig“: Darum machen Jan Böhmermann und Olli Schulz den besten Laber-Podcast

Ein andermal ließ Böhmermann einen Deutschpop-Songtext von fünf Schimpansen schreiben (es wurde natürlich ein Hit). Andere Songs aus Eigenproduktion wie „Ich habe Polizei“ oder „Be deutsch“ hatten nachhaltigen Einfluss auf die persiflierten Musikgenres.

All die Downloads, verkauften Bücher, Einnahmen aus der selbst produzierten Show und dem Podcast mit Olli Schulz (47) sollen Böhmermann über die Jahre übrigens ein Vermögen von 5 Millionen Euro eingebracht haben.

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Der Podcast „Fest & Flauschig“ mit Olli Schulz

Das dritte große Standbein Böhmermanns ist neben Twitter und Fernsehen der Podcast „Fest & Flauschig“ oder ehemals die Radiosendung „Sanft & Sorgfältig“ mit seinem Freund Olli Schulz. Darin beweist er, dass er auch ohne Tweets und TV-Kameras meinungsstark und schräg auftreten kann. Das Format ist mittlerweile gar der erfolgreichste Spotify-Podcast überhaupt.